Mord

Natürlich geht es auch im neuen Benedict Schönheit um Mord.
Sonst würde Bene ja nicht bei der Münchner Mordkommission arbeiten.
Hier gibt es schon einmal einen kleinen Vorgeschmack.

Den ersten Mord:

Sie war die Theresienstraße hinuntergelaufen. Sonntagabend war nicht viel vom Münchner Leben zu spüren
gewesen. Der frühe Oktober hatte die wenigen Bäume gelb gefärbt und die frostige Kühle der Nacht drang durch ihre Jacke. Im Schaufenster eines Schuhgeschäfts, das überwiegend Dinge verkaufte, die sie nie im Leben an ihre Füße lassen würde, hatte sie, gewohnheitsmäßig, ihr Aussehen kontrolliert. Die weiße Strickmütze schien die Blässe ihrer Haut zu betonen. Sie sah alt aus, müde. Das Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein, steigerte nur ihre Wut auf ihn.

Sie ging zwischen den grauen Betonschluchten der Technischen Universität hindurch, die man mit vier Bäumen ein wenig zu verschönern versucht hatte. Rechts tauchte die Alte Pinakothek auf. Auch hier hatten sich die Bäume schon gelichtet, man konnte über den kleinen Parkplatz den wuchtigen Bau sehen, der trotz seiner Ausmaße auf sie ein wenig zerbrechlich wirkte. Was man von dem Bau gegenüber nicht behaupten konnte.

Henry hatte den Bau der Neuen Pinakothek nie gemocht. Er empfand es als Zumutung, dass er als Direktor der Alten Pinakothek, in einem zweckmäßigen Büro in der Neuen residieren musste. Residieren. Er hatte dieses Wort immer mit einem Schmunzeln benutzt und doch war sie sicher, dass sich dahinter sehr viel Wahrheit verbarg. Der große Henry de Rijk residierte nun einmal. Die Dienstwohnung war nicht gut genug gewesen, es musste etwas Repräsentativeres sein. Werneckestraße. Genügend Wände für Bücher und Bilder, ausreichend Platz, um Gäste zu bewirten.
Und genügend Raum, um Frauen zu verführen. Jede
Station in seinem Leben schien von Kunst, Frauen und
gebrochenen Versprechen geprägt zu sein. Ja, er hatte auch sie verführt. Mehr als das. Er hatte sich ihrer Liebe vergewissert. Sie hatte ihn nicht mehr loslassen können. Er sie schon. Der letzte Abend mit ihm fasste es wie in einem Brennglas zusammen. Henry, der Charmeur. Henry, der sie noch einmal im Bett haben wollte. Henry, der sie wegen ihrer Liebe für ihn einfach auslachte. Ihr klar machte, dass da nichts mehr war. Sie eine einfältige Pute schimpfte. Ihr riet, doch zurück zu Papa zu gehen. Da gehöre sie hin. Er gehöre ihr nicht, er gehöre nur sich selbst. Er gehörte vor allem seinem Ehrgeiz, diesem Willen, etwas zu werden, etwas darzustellen. Der Raum sollte heller werden, wenn er ihn betrat. Sie wollte dies alles beenden. Henry gehörte ihr. So war es, so sollte es ein.

 

Die Neue Pinakothek lag in einer Mischung von Licht und Schatten, Bäume, Sträucher und Straßenlampen schufen einen gefleckten Teppich. Sie bog in einen schmalen Weg ein, einem direkten Zugang zum Verwaltungstrakt. Nachdem sie ein paar Handschuhe angezogen hatte, wandte sie der Überwachungskamera den Rücken zu und ging zu dem Seiteneingang. Die Tür ließ sich mit einem sechsstelligen Zifferncode öffnen, den ihr Henry gegeben hatte, als sie ihn zum ersten Mal in München besuchte hatte. Nachdem sie den Zugangscode eingegeben hatte, öffnete sich die Tür mit einem kaum vernehmbaren Summen. Sie zog direkt hinter der Tür ihre Schuhe aus, das Geräusch ihrer Absätze hätte er sicher gehört. Der Verwaltungstrakt selbst wurde normalerweise nicht vom Sicherheitsdienst kontrolliert, was Henrys Eskapaden auf dem Ledersofa in seinem Besprechungszimmer sehr entgegenkam.

Sie spürte den kühlen Marmor unter ihren Seidenstrümpfen. Es waren wirklich Seidenstrümpfe. Für Henry. So wie er sie liebte. Sie öffnete die Tür zu seinen Büros, die sich geräuschlos öffnen und schließen ließ. Henry hasste überflüssigen Lärm in seiner Umgebung. Durch die angelehnte Tür fiel ein Lichtschein auf den Schreibtisch seiner Sekretärin. Vorsichtig näherte sie sich der Tür zu seinem Büro, obwohl sie sich sicher war, ihn zu dieser Zeit nicht an seinem Schreibtisch zu finden. Eine grünbeschirmte Lampe, die er seit seinen Studientagen in Princeton mit sich herumschleppte, beleuchtete einen penibel aufgeräumten Arbeitsplatz. Henry verachtete das kreative Chaos, das an ihrem Tisch stets herrschte. Er hatte ihr mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass er äußere Unruhe als Zeichen innerer Zerrissenheit verstand. So könne man nicht arbeiten. Bei ihm war alles aufgeräumt, es gab Mappen, Akten, Schränke, jedes Buch, jede CD hatte ihren Platz. Nur sie schien in all dieser Ordnung nie ihren Platz gefunden zu haben.

Jenseits des Lichtkreises, den die Schreibtischlampe warf, glänzte matt Henrys Brieföffner. Damit könne man leicht jemand umbringen, hatte er einmal scherzend
gesagt. Eine echte Damaszenerklinge, angeblich aus dem 13. Jahrhundert. Henry erzählte, sein Großvater habe sie als Geschenk von Papst Pius XII bekommen, aber bei ihm wusste man nie genau, was die Wahrheit und was eine
gekonnte Inszenierung war. Sie nahm den Dolch und zog ihn aus seiner Scheide. Er lag gut in der Hand, das
Gewicht des Metalls gab ihr Sicherheit. Die Tür zu seinem Besprechungsraum war angelehnt. Es herrschte völlige Stille. Sie hatte ihn bei ihrem ersten Besuch hier gefragt, warum er sich keine Stereoanlage ins Büro stelle. Er hatte sie nur von oben herab angeschaut und gesagt, hier arbeite er, oder er betrachte Bilder, was auch Teil seiner Arbeit sei, da habe die Musik keinen Platz. Es sei eine Ausgeburt dieser verqueren Zeit, immer mehrere Dinge zur gleichen Zeit tun zu wollen.

Henry saß auf einer Art Klavierbank vor ihrem Bild, dem Bild jener Frau mit dem roten Hut. Er hatte es vor etwas mehr als einem Jahr, kaum dass er auf seinem neuen
Posten angefangen hatte, bei einem Spaziergang in den Katakomben des Museums gefunden – und sich dabei fast den Hals gebrochen, wie er nie vergaß zu erwähnen. Es war sein Vermeer. Zumindest war er der Meinung, dass es sich um einen solchen handelte. Die Fachwelt stimmte da nicht unbedingt mit ihm überein, aber die Fachwelt hatte Henry de Rijk noch nie sonderlich interessiert. Es war sein Vermeer. Sein Mädchen. Nachdem die Skepsis der Fachwelt übergroß geworden war, hatte der Kultus-
minister interveniert. Er hatte zwar nicht den Schimmer
einer Ahnung, verfügte dafür aber über reichlich politisches Gespür. Das Bild wurde aus der Sammlung entfernt und landete nach zahlreichen Untersuchungen genau da, wo Henry es schon immer haben wollte: in seinem Privatbüro.

Sie hatte seine Faszination für dieses Bild nie begriffen, aber sehr wohl verstanden, dass dieses möglicherweise 250 Jahre alte Mädchen eine echte Konkurrentin war. Er sprach mit einer Zärtlichkeit von ihren Augen, den Linien ihres Gesichtes, dass sie allein beim Gedanken daran eifersüchtig wurde.

Den Dolch in der rechten Hand trat sie langsam hinter ihn. Sie wusste nicht, ob es ihr Parfüm oder die von ihr ausgehende Wärme war, aber er schien aus seiner Trance zu erwachen und drehte sich auf der lederbezogenen Bank um. In diesem Moment stach sie zu. Nur einmal. Gezielt. Er sah sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Wehmut an, sie trat einen Schritt zurück und er rutsche wie in Zeitlupe zu Boden. Sie war sich sicher, dass er bereits tot war, und blickte das Bild der Frau an. Wenn er tot ist, wirst auch du wieder dahin verschwinden, wohin du gehörst, dachte sie sich.

So leise wie sie gekommen war, ging sie auch wieder. Sie zog die Tür geräuschlos hinter sich ins Schloss, ging vorsichtig die Treppe hinunter, schlüpfte in ihre Schuhe und steckte die Handschuhe wieder in ihre Jackentasche. Dann spähte kurz nach draußen, bevor sie die Außentür mit dem Ellenbogen öffnete.

Mehr demnächst.
Im März im gut sortierten Buchhandel:

#Krimi #Mord #BenedictSchoenheit

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