Endspurt

Endlich ist das gute Stück beim Verlag und, so Gott will, in 10 Tagen als Printversion und EBook verfügbar. Es hat zugegebenermaßen lange gedauert und auch einige Nerven gekostet. Ich glaube nicht, dass sich jemand, der nicht selber schreibt, vorstellen kann, was für ein Gefühl es ist, ein neues Buch gedruckt in Händen zu halten. Ich freue mich unglaublich darauf – und wenn es dann endlich so weit ist gibt es eine keine Überraschung für alle meinen treuen Blogleser.

Zunächst aber hier noch einmal einen kleinen Ausschnitt aus dem neuen „Bene“:

So, jetzt brauchte ich nur noch einen Wagen. In diesem Moment kam Adil ins Zimmer.

„Bist du schon fertig?“

Er schaute schuldbewusst

„Ja, Chef.“

„Warst du mit dem Wagen in Schwabing?“

„Klar.“

Natürlich, der Münchner Kriminaler fährt nicht mit der U-Bahn. Das war schon zu Derricks Zeiten so.

„Dann schau, dass du den Wagen wieder kriegst, aber zackig. Wir fahren an den Starnberger See.“

„Frühes Mittagessen, Chef?“

„Nein, eine Leiche. Beweg dich.“

Fünf Minuten später brausten wir mit Blaulicht und Martinshorn Richtung Garmischer Autobahn. Adil sollte seinen Spaß haben. Ich hatte ihm erzählt, was passiert war, und er meinte unsere Vorgehensweise sei durchaus gerechtfertigt. Bisweilen konnte er reden, als ob ihn dereinst der Prinzregent in den Polizeidienst aufgenommen hätte.

„Wenn wir hier schon wie die Gesengten durch die Gegend rasen, erzähl mir wenigstens, was bei deiner Befragung in der Clemensstrasse herausgekommen ist.“

„Nicht wirklich viel, Chef. Wir sollten da noch einmal am Abend vorbeischauen, denn in dem Haus scheinen praktisch alle zu arbeiten. Nur eine ältere Frau, die dort schon seit 35 Jahren wohnt war zuhause.“

„Woher weißt du, wie lange sie schon dort wohnt?“

„Weil sie es mir gesagt hat.“

„Und wie hat der Kuchen geschmeckt?“

„Der Nusszopf war ausgezeichnet“; er stockte. „Woher weißt du, dass es dort Kuchen gab?“

„Du kennst doch meine Methoden, oh Adil, Tröster der einsamen Herzen. Was hatte die gute Dame denn sonst noch zu vermelden?“

Er grinste. „Sie scheint das Haus gut im Blick zu haben, wohnt im ersten Stock, Sophie wohnt direkt über ihr. Sie meint, normalerweise könne sie hören, wenn sie nach Hause komme, auch wenn Besuch da sei. Gestern Abend sei aber alles still gewesen. Wann Sophie gestern aus dem Haus gegangen ist, wusste sie nicht, weil sie einen Arzttermin hatte.“

„Hat sie den Besuch irgendwie beschreiben können?“

„Habe ich auch gefragt, Chef. Sie war sehr entrüstet, sie spioniere doch niemandem nach.“

„Gut, dann müssen wir sie gegebenenfalls auch noch einmal aufsuchen, falls die Weilheimer Kollegen dort tatsächlich Sophie gefunden haben sollten.“

 

Ich hatte keinen Blick für die schöne Landschaft, die noch letzten Sonntag in mir so viele Erinnerungen wach gerufen hatte. Dieser Fall war wie ein Puzzle mit ganz wenigen Teilen, die allerdings überhaupt nicht zusammen passten. Wenn der Förster tatsächlich Sophie gefunden hatte, machte das alles noch viel weniger Sinn. Natürlich konnte das alles ein Zufall sein, aber das wäre dann fast wie in einem schlechten Kriminalroman. Eine Beziehungskiste unter Studenten wurde doch nicht im Handumdrehen zu einem töd­lichen Drama. Adil riss mich aus meinen Grübeleien, weil er scharf bremste und auf die rechte Spur zog. Ich hatte mir verkniffen, auf den Tacho zu schauen, aber für mich war das neuer Rekord zur Ausfahrt Sees­haupt. Ich hatte ihm Kriminaloberrat Werners An­fahrtsbeschreibung gesagt.

„Wir kommen jetzt aber von der anderen Seite.“

„Stimmt schon, Chef, ist aber dieselbe Straße. Irgendwann werden rechts die Kollegen in grün stehen.“

Wir jodelten weiter mit Blaulicht. Etwa fünf Minuten später bremste er scharf und bog auf einen Waldweg ab. Keine Ahnung, wie er den Streifenwagen durch das Unterholz gesehen hatte. Vielleicht sollte ich doch mal zum Optiker gehen. Das Blaulicht auf dem Wagendach verhinderte vermutlich einen scharfen Kommentar der Weilheimer Beamten.

„Seid’s ihr die Münchner?“

Bevor Adil seinen Mund aufmachen konnte, hielt ich den Kollegen meinen Ausweis entgegen.

„Kriminalrat Schönheit.“

„Immer geradeaus, Herr Kriminalrat. Aber sagen’s dem jungen Mann, er soll langsam fahren, sonst brauchen wir noch einen Abschleppwagen.“

Ich nickte, er grinste und wir tuckerten los. Der Waldweg war gut ausgebaut, es war ein schöner, heller Mischwald, dessen unterschiedliche Grüntöne in der Mittagssonne leuchteten.

Etwa einen Kilometer weiter ließen wir den Wagen neben einigen anderen Dienstwagen stehen und gingen auf eine Gruppe Männer in Zivil zu. Ein drahtiger Mittvierziger in Lodenjoppe drehte sich um.

„Herr Schönheit?“

„Ja. Ich vermute mal, Herr Werner?“ Er nickte. Ich deutete auf Adil. „Das ist mein Kollege, Kommissar Usman.“

Hände wurden geschüttelt.

„Die KTU ist fertig, und unser Pathologe ist bei der Leiche. Wenn Sie einen Blick darauf werfen wollen, sie liegt dort drüben hinter den hohen Büschen.“

Ich bedankte mich, bedeutete Adil, mir zu folgen und ging zu dem Leichenfundort. Egal, wie lange man diesen Job schon machte, der Ort, an dem ein Mensch sein Leben verloren hatte, berührte einen immer wieder. Bei mir waren es nicht nur die Gedanken an einen anonymen Toten, ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass wir tatsächlich Sophie gefunden hatten. Ein grauhaariger Herr schien gerade mit seiner ersten Untersuchung fertig zu sein. Ich trat näher.

„Wer sind Sie denn?“

„Kriminalrat Schönheit, Kripo München. Ich würde gerne mal einen Blick auf die Tote werfen, es könnte sich um jemand handeln, den wir suchen.“

„Da waren Sie aber schnell vor Ort.“ Er bedeutete mir, näher zu treten, so dass ich das Gesicht sehen konnte, dass er bisher mit seinem Körper verdeckt hatte.

Es war Sophie, kein Zweifel.

Vielleicht hätte ich doch nicht raus fahren sollen. In wenigen Sekunden gingen mir viele Bilder durch den Kopf. Sophie als kleines Mädchen, Sophie beim Tennis spielen, Sophie auf dem marokkanischen Puff in Papas Arbeitszimmer beim Schachspielen. Der Arzt hatte mit Interesse mein Mienenspiel verfolgt.

„Kannten Sie die Tote?“

Ich nickte.

„Und deshalb sind Sie hier?“

„Nein.“ Ich holte tief Luft. „Frau Binder ist in einen ungeklärten Todesfall in München verwickelt. Wir suchten sie eigentlich als Zeugin. Es ist lediglich ein Zufall, dass wir im gleichen Ort aufgewachsen sind.“

Er schaute mich an, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

„Halten Sie die Kopfwunde für die Todesursache?“, fragte ich.

„Sie meinen, die Schädelverletzung? Mit großer Wahrscheinlichkeit, ja.“

„Und haben sie sonst etwas gefunden?“

Er deutete auf ihren linken Fuß.

„Die Stellung des Fußes ist ungewöhnlich. Ich denke das Fußgelenk ist überdehnt, wenn nicht gar gebro­chen.“

„Und der Todeszeitpunkt?“

„Die Leichenstarre ist noch nicht voll ausgeprägt, aber wie sie wissen, spielen Umweltfaktoren da eine große Rolle. Ich würde sagen zwischen 5 und 7 Uhr heute Morgen.“

Ich konnte meinen Blick nicht von Sophie abwen­den. Sie lag neben einem Baumstumpf, an dem auch Blut klebte.

„Halten Sie es für möglich, dass sie nur gefallen ist?“

Ich deutete auf den Baumstumpf.

„Sie meinen, keine Fremdeinwirkung?“

Er betrachtete den Baumstumpf genauer.

„Könnte tatsächlich zur Wunde passen, aber ich kann mir wirklich erst ein Bild machen, wenn ich sie genauer untersucht habe und wir die Ergebnisse der Spurensicherung gesichtet haben.“

Ich ging zurück zu der Gruppe Beamter, den schwei­genden Adil im Schlepptau.

Warum hatte sie sterben müssen? Sie war kein Kind von Traurigkeit gewesen, noch letzten Sonntag war ihre Lust am Leben spürbar. Und jetzt vielleicht er­schlagen im Wald – oder doch ein Unfall? Die Ergeb­nisse der Kriminaltechniker würden uns hoffentlich weiter bringen.

„Könnte ich sie einen Moment allein sprechen, Herr Werner?“

Er schaute erstaunt, folgte mir dann aber doch ein paar Meter zu einer Wegkreuzung.

„Warum so geheimnisvoll. Herr Kollege?“

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