Poulet Marengo

Bis man die Antwort vom Verlag bekommt, zieht sich bisweilen wirklich lange hin. Mich treiben schon die Gedanken an den nächsten Benedikt Schönheit Roman um: dieses Mal wird es um einen Mord in der Welt der Kunst, der Künstler, der Experten und des schönen Scheins gehen. Um die Wartezeit zu verkürzen aber noch hier noch ein Stückchen aus Benedikts zweitem Fall :

Martina stand zehn nach acht vor meiner Tür. Die Umarmung dauerte lang, die Stofftasche, die sie davor auf den Boden gestellt hatte, klirrte vielversprechend. Ich zog sie in die Küche, wo eine große Pfanne vor sich hin blubberte. Sie schnupperte vorsichtig, denn der aufsteigende Dampf war heiß.

„Was ist denn das für eine Mischung? Riecht köstlich.“

„Poulet Marengo.“

„ Und was ist da drin?“

„Hühnchen, Flusskrebse, Perlzwiebeln, Wiesenchampignons, Tomaten und Knoblauch.“

„Und wo hast du das alles aufgetrieben?“

„Der Elisabethmarkt besser als sein Ruf.“

Sie fuhr mit ihrer Hand unter mein Hemd und wir küssten uns. „Gar nicht schlecht, Herr Kriminalrat.“

War das jetzt auf das Essen oder auf den Kuss bezogen?

Ich machte mich los, flambierte das Ganze mit ein wenig Cognac, schaltete den Herd ab, zog die Pfanne auf ein Holzbrett und streute frische Petersilie darüber.

„Sollen wir trinken, was immer du da mitgebracht hast?“

Sie zog zwei Flaschen Tardieu – Laurent aus der Tasche.

„Ich habe mich bemüht, sie so wenig wie möglich zu schütteln, aber eigentlich hätten sie schon vor einer Weile geöffnet werden sollen.“

„Das geht schon.“

Bill Evans spielte im Hintergrund während wir dieses angebliche Leibgericht Napoleons verzehrten. Martinas Gegenwart und der ausgezeichnete Côtes du Rhone ließen den Tag leichter erscheinen, trotzdem spukte mir das Gespräch mit Francis Sakamoto noch im Kopf herum. Ich brach ein weiteres Stück Baguette ab, schaute Martina an und fragte sie: „Sag mal, hast du schon einmal bewusst mit einem Mann gespielt? Oder zwei gegeneinander ausgespielt?“

Sie legte Messer und Gabel ab.

„Worauf willst du hinaus?“

Ich erzählte ihr, was Sakamoto mir erzählt hatte.

„Wie gut kennst du denn diese Sophie nun eigentlich?“

„So gut, wie man ein siebzehn Jahre jüngeres Nachbarskind kennt. Ich ging zum Studium nach München als sie ein Jahr alt war. Als dann meine Schwester nach dem Abi nach Wien ging, war sie für meine Mutter ein wenig Kind-, oder vielleicht auch Enkelersatz.“ Ich musste lächeln. „Nicht, dass Mama das je zugeben würde. Sophies Mutter bekam Krebs, als Sophie 10 Jahre alt war und hat acht Jahre gegen die Krankheit gekämpft.“

„Ist Sophie ein Einzelkind?“

„Ja, da ist wohl bei der Geburt etwas schief gegangen und Margarete Binder konnte danach keine Kinder mehr bekommen.“

Martina wischte ihren Teller mit einem Stück Baguette sauber und trank einen Schluck Wein.

„Und was weißt du sonst über sie?“

„Mutter oder Tochter?“

„Tochter.“

„Heute würde man vielleicht sagen, sie war ein starkes Mädchen, wobei ich nicht weiß, ob das nicht einfach der Situation geschuldet war. Der alte Binder ist kein einfacher Mann, ziemlich unnahbar. Sophie hat sich ihre Freiheiten sicher erkämpfen müssen, genau weiß ich das nicht. Mein Vater hat Zeit mit ihr verbracht, ihr auch das Schach spielen beigebracht. Sophies Vater spielt auch gut, aber er hatte keinerlei Geduld mit seiner Tochter. Sie hat ein Jahr nach dem Tod der Mutter in Heiligenberg Abi gemacht und ist, wie ich jetzt weiß, nach München gezogen, um Architektur zu studieren.“

„Warum wie du jetzt weißt?“

„Weil sie es mir erzählt hat.“

„Und du glaubst, dass sie der Schlüssel zum Tod Peter Riesachers ist?“

„Sie ist eine weitere Facette in diesem Spiel, aber eine wichtige. Ich muss sie morgen auf alle Fälle sprechen, notfalls auf dem offiziellen Weg.“

„Sie vorladen?“

Ich nickte.

„Dann wird sie sauer sein und noch weniger sagen.“

„Das müssen wir riskieren.“

Wir nahmen den Wein mit und gingen nach nebenan.

„Es ist schon eine eigenartige Geschichte.“ Sie schien nachzudenken. Es war still im Raum, der sanfte Jazz Bill Evans war schon lange verklungen. „Spielst du was?“

„Wie meinst du das?“

„Auf dem Klavier.“

Das hatte sie mich noch nie gefragt.

„Ich habe Vorspielen schon immer gehasst.“

„Bitte, Bene.“

Ich setzte mich an den schwarzen Kasten und stümperte ein wenig an einem Prélude von Chopin herum.

***

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