Bel Etage

Die gute Nachricht ist:  das Manuskript ist abgeschlossen. Knapp 280 Seiten sind heute morgen ins Lektorat gegangen. Mit etwas Glück können die geneigten LeserInnen Benedikts neues Abenteuer in etwa zwei Monaten in ganzer Länge verfolgen. Ich werde mich bemühen in der Zwischenzeit den Appetit mit kleinen Ausschnitten aufrecht zu erhalten – ohne allerdings zu viel zu verraten 🙂

Adil läutete und der Türsummer ertönte ohne weitere Nachfrage. Wir stiegen das renovierte Treppenhaus hinauf – zumindest hatte man den Charakter des Hauses ganz gut erhalten. Der junge Mann erwartete uns im ersten Stock; Vater und Sohn Heym schienen das ganze Stockwerk zu bewohnen, nicht schlecht.
„Sie sind von der Kriminalpolizei?“
Ich nickte.
„Mein Name ist Schönheit, das ist mein Kollege Usman.“
„Sie können sich doch sicher ausweisen.“
Doch nicht ganz so unbedarft.
Wie zeigten ihm unsere Ausweise.
„Kein Plastik?“
Ich musste lachen.
„In Bayern gehen die Uhren eben anders.“
„In diesem Fall wohl eher nach. Kommen Sie bitte herein.“
Wir betraten einen Gang, der fast die ganze Länge des Hauses einnahm.
„Da haben Sie ja noch eine echte Bel Etage.“
„Stimmt. Ein wenig privilegiert ist das schon, aber Papa hat das Haus geerbt und diese beiden Wohnungen wieder zusammengelegt.“
Wir folgten dem jungen Mann in ein großes Wohnzimmer, dessen Wände mit Bücherregalen und moderner Grafik bedeckt waren und nahmen unter einem Frauenbildnis von Horst Janssen Platz.
„Ich verstehe zwar nicht, wie ich Ihnen hier weiter helfen kann, aber das werden Sie mir sicher erklären.“
Zumindest hatte der junge Mann ein gesundes Selbstvertrauen. Ich dachte einen Moment daran, dass es besser gewesen wäre ihn ins Präsidium zu bestellen, andererseits kenne ich immer gerne die Lebensumstände der Befragten und wenn er nicht wollte, brauchte er uns eigentlich gar nichts sagen.
„Herr Heym, wir möchten einfach Peter Riesacher besser kennen lernen. Sie haben mit ihm ein Seminar von Dr. Smalto besucht und nach Aussage anderer Teilnehmer auch außerhalb der Lehrveranstaltung viel Zeit mit ihm verbracht.“
„Ich bin also nicht der erste, den Sie befragen.“
„Nein.“
Das ‚nein‘ kam von Adil und war ein wenig schärfer im Ton als meine Worte.
„Nun, ich habe Peter tatsächlich erst in diesem Seminar kennen-gelernt. Ich studiere im zweiten Semester Philosophie und Politische Wissenschaften an der Ludwig Maximilians Universität und besuche die eine oder andere Veranstaltung an der PFH. Es gibt dort ungewöhnliche Professoren und ich finde es interessant, manches aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.“
„Was hat Sie denn an Riesacher interessiert?“, fragte Adil.
„An ihm persönlich? Zunächst gar nichts. Ich habe als einer der ersten eine Seminarstunde gestaltet und eine Einführung zu Friedrich Schlegel gegeben. Peter stellte interessante Fragen, und danach sind wir einen Kaffee trinken gegangen.“
„Und Sie kamen ins Gespräch.“
Er nickte.
„Es war nicht einfach am Anfang, weil er außerhalb des Seminarraums ein ganz anderer zu sein schien, viel unsicherer und verschlossener, aber dann kam ein anderer Student dazu und er machte auf.“
„War das Francis Sakamoto?“
„Mit ihm haben Sie also auch schon gesprochen?“
„Ist das ein ‚ja‘?“ fasste Adil nach.
Maximilian Heym runzelte die Stirn.
„Ja, natürlich ist das ein ja.“
„Und wie ging es dann weiter?“
„Wir haben uns häufig auch außerhalb des Seminars getroffen. Es gab einiges, das uns alle drei interessierte.“

„Herr Heym, wo waren Sie diesen Montag um 11 Uhr?“
Adil suchte Zuflucht in einer der klassischen Polizistenfragen.
„Sie meinen, zu dem Zeitpunkt, als Peter vom Balkon gefallen ist?“
„Woher wissen Sie den Zeitpunkt?“
„Erstens haben Sie das Francis auch gefragt, und zweitens weiß das mittlerweile praktisch jeder auf dem Campus, nachdem diese zwei Trottel damit hausieren gehen, dass sie Sie gerufen haben.“
„Tremmel und Bär?“ schaltete ich mich ein.
„Wer sonst.“
„Kennen Sie die?“
„Nein, und ich möchte sie auch nicht kennenlernen. Aber sie müssen es gestern in der Mensa herum posaunt haben.“
„Das beantwortet aber unsere Frage nicht, Herr Heym. Wo waren Sie denn nun.“
„In der Bibliothek. Ich habe gearbeitet.“
„Gibt es dafür Zeugen?“
„Ich bin sicher, dass sich die Bibliothekarin oder andere Benutzer an mich erinnern.“
„Wir werden das überprüfen.“
„Tun Sie das, meine Herren, aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich mich jetzt gerne wieder an eine Seminararbeit setzten.“
Wir erhoben uns, und er begleitete uns zur Tür. Als wir schon im Treppenhaus waren drehte ich mich noch einmal um.
„Kennen Sie eigentlich Sophie Binder?“
Er zuckte ein wenig zusammen, blieb aber ruhig.
„Sollte ich das?“
„Herr Heym, es gehört zum Spiel, und zwar gerade, wenn man in voller Bedeutung Mensch ist, um mit Schiller zu sprechen, dass man weiß, wann es vorbei ist.“
„Das Spiel ist nie vorbei, Herr Kriminalrat, nie. Es ist die Essenz von allem, wenn Sie wissen was ich meine. Und natürlich kannte ich Sophie, sie war im Seminar.“

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