Isartal

Es war mittlerweile halb drei geworden. Nicht nur machte sich mein Magen langsam bemerkbar, ich sollte mich auch auf den Weg zu meinen Eltern machen um zur Geburtstagsfeier meiner Mutter noch zu einer vertretbaren Zeit aufzutauchen. Polizeiarbeit entschuldigt vieles aber nicht alles. Auf dem Schreibtisch lag noch die Zusammenstellung der Fakten um die ich Klaus und Adil gebeten hatte. Ziemlich dünn. Sie hatten quasi keine persönlichen Dokumente gefunden, weder Briefe noch so etwas wie ein Tagebuch. Ich griff zum Telefon.

„Klaus?“

„Ja, Chef?“

„Was treibt ihr?“

„Wir haben mit den Herren Tremmel und Bär gesprochen. Sie haben nicht sonderlich viel zu sagen und wirken auch sonst nicht besonders, wie soll ich mich ausdrücken, helle. Beide sind Priesteramtskandidaten, allerdings keine Jesuiten, sondern sie sind hier in München im Priesterseminar, also im Prinzip jederzeit greifbar, wenn wir sie brauchen. Ich glaube aber nicht, dass uns das weiterbringt, denn sie kennen die beiden bestenfalls vom Sehen.

„Na gut. Schreib dir bitte auf alle Fälle mal zwei Namen auf: Maximilian Heym und Sophie Binder. Beide waren auch in dem Kurs mit Dr. Smalto. Findet heraus, wo wir sie finden können, aber ich möchte bei der Befragung dabei sein.“

„Traust du uns das nicht zu, oder was?“

„Ich habe meine Gründe, Klaus. Außerdem muss ich jetzt los. Ach ja … was ist eigentlich mit dem Laptop von Riesacher, bekommen wir da mal was?“

Schweigen

„Und das Handy?“

Immer noch Schweigen.

„Kinder ich möchte euch wirklich nicht alles vorkauen müssen, aber ich hätte gerne morgen früh etwas Greifbares auf dem Schreibtisch, klar? Vorsortiert und mit euren Kommentaren versehen. Ciao.“

Ich war schnell nach Hause geradelt, hatte den Wagen geholt und machte mich auf. Es war ein Fehler gewesen, ihn nicht gleich in der Früh mit ins Präsidium zu nehmen, aber eigentlich hatte ich die S Bahn nehmen wollen. Ich war noch nicht in Stimmung mich in den üblichen Geburtstagsrummel zu begeben und wollte noch auf einen Sprung an die Isar runter und vielleicht in die Basilika von Heiligenberg hineinschauen. Der Nachmittagsverkehr war eher ruhig, ich brauchte kaum eine halbe Stunde. Kurz nach vier bog ich von der Bundesstraße in Richtung Isar ab und parkte unweit des Brückenwirts.

Flüsse hatten mich schon immer fasziniert. Die Isar war sicher nicht die Seine, der Rhein oder die Themse, aber auch wenn man ihr durch den Kanal viel von ihrer Wildheit geraubt hatte, blickte ich immer gerne, besonders hier, im Süden München, auf die recht schnell fließenden Wasser. Ich kletterte ans Ufer, die Kiesel knirschten unter meinen Schuhen und Mama würde wieder sagen: „Junge hast du denn keine Schuhcreme.“ Sei’s drum. Ich hob einen Ast auf und spielte ein wenig in dem sich langsam bewegenden Wasser in Ufernähe. So ähnlich kam ich mir auch im Moment in unserem Fall vor, wenn es denn einer war: wir stocherten im Trüben. Orthubers merkwürdige blaue Flecken, die hohe Dosis Psilocybin, diese merkwürdige Gruppe um Dr. Smalto. Ich sollte eigentlich wirklich in der Stadt sein und zusammen mit Klaus und Adil mögliche Zeugen vernehmen.

Halb fünf. Ich schwang mich wieder über die Brüstung, ging zum Wagen und fuhr die paar hundert Meter zur Abtei. Einen Blick in die Kirche wollte auf alle Fälle noch werfen. Die ruhige Kühle des Gebäudes empfand ich schon als Kind als beruhigend. Ich war oft hier, einfach um loszulassen oder um Kraft zu schöpfen, wenn ich mal wieder eine fünf in Latein beichten musste. Zuhause, nicht hier.

In einer der vorderen Reihen saß eine junge Frau neben einem Mönch. Sie sprachen leise miteinander. Ich wollte nicht stören, aber als ich mich umdrehte verursachten meine Sohlen ein Geräusch und der Mönch drehte sich um. Ein junges Gesicht, Anfang dreißig vielleicht. Ich wusste gar nicht, dass die Abtei doch wieder Nachwuchs hatte. Er sah mich nur kurz an und wandte sich wieder seiner Begleiterin zu.

Das helle Licht dieses sonnigen Maitages blendete mich nach der Dunkelheit in der Basilika, als mein Blick auf ein nachtblaues Mazda Cabrio fiel. So eines hatte ich doch vor gar nicht so langer Zeit schon einmal gesehen. Richtig Sophie Binder fuhr so eins. Und die junge Frau in der Kirche hatte kurze, dunkle Haare gehabt. Die Kirchenglocken schlugen viertel vor Fünf und rissen mich aus meinen Überlegungen. Auf zu den Eltern.

 

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