Aussagen und Befunde

„Ist der Bericht von Orthuber da?“ Unser Gerichtsmediziner war normalerweise so zuverlässig wie eine Schweizer Uhr.
„Doch, ja,“ sagte Adil
„Und?“, fragte ich gedehnt. Irgendwie liefen die beiden heute auf Sparflamme.
„Na ja, er hatte wohl von diesen Pilzen genommen.“
„Kinder, ich habe langsam den Eindruck ihr habt auch von diesen ominösen Kahlköpfen genascht. Wir sollen in zwanzig Minuten bei Theiss sein. Geht das bitte ein wenig schneller und präziser? Was ist denn los?“
Sie schauten einander an, dann reichte mir Klaus einen Ausdruck und berichtete.
„Also er hatte laut Orthuber zum Zeitpunkt des Todes …“
„Der da wann war?“
„Na laut den Zeugen um 11:05.“
„Ach wir haben Zeugen?“
„Wusstest du das nicht, Chef?“
„Würde ich sonst so dämlich fragen? Was habt Ihr denn heute Morgen?“
Schweigen.
„Wir sind gestern ein wenig versumpft, Chef.“
„Ihr seid bitte was?“
„Versumpft,“ ergänzte Adil völlig unnötigerweise.
Es war schwierig. Richtig schwierig. Ich konnte der sich breit machenden Heiterkeit nicht wirklich widerstehen und lachte laut auf.
„Ihr zwei?“
Sie blickten einander an wie zwei Knaben, die vor dem allmächtigen Schuldirektor standen, weil sie unter der Treppe geraucht hatten.
„Ihr habt einen drauf gemacht?“
Verwirrte Blicke.
„Gratuliere.“
Ich meinte das ernst. Wenn die beiden einander näher kämen, konnten sie nur davon profitieren. Wir hatten jedoch immer noch einen Termin mit Kriminaloberrat Theiss. In 16 Minuten.
„Wer sind die Zeugen?“
Diese Frage schien die Zwei wieder aus ihrem fast komatösen Zustand zu erwecken.
„Zwei Studenten, Chef. Sie haben den Aufprall des Körpers gehört, sind durch die Eingangshalle nach draußen gelaufen und sahen Riesacher da liegen. Nach einem Blick auf den leblosen Körper hat einer über sein Handy 112 gewählt und uns benachrichtigt. Mittermaiers Leute haben sie auch schon befragt.“
Hatte der liebe Herr Kollege es vor Ort noch nicht gewusst oder wollt er mich auflaufen lassen?
„Und wie heißen die beiden?“
„Franz Tremmel und Fritz Bär.“
„Habt ihr persönlich mit Ihnen gesprochen?“
„Ja, aber nur am Vormittag. Der Vorfall hat sie wohl sehr mitgenommen. Wir haben die Kontaktdaten; beide leben in München und noch bei ihren Eltern. Klaus hat gestern Nachmittag dort angerufen, aber die Eltern haben darauf bestanden, dass wir sie erst heute einvernehmen.“
„Was war euer erster Eindruck?“
„Eigentlich gar keiner,“ meinte Klaus. „Sie standen völlig unter dem Eindruck des Gesehenen.“
„Gut, wir wissen also, dass Riesacher wenige Minuten nach 11 Uhr vom Balkon gefallen ist. Was hat denn Orthuber sonst noch in seinem Bericht geschrieben?“
„Zum einen bittet er dich um Rückruf, zum anderen hatte Peter Riesacher sowohl etwas Alkohol im Blut.“
Ich warf einen Blick auf dem Bericht. Richtig 0,3 Promille. Entweder hatte er am Vortag richtig einen drauf gemacht oder er hatte sich schon zum Frühstück eine Halbe gegönnt. Den Eindruck hatte ich eigentlich nicht von ihm. Außerdem stand da etwas von mehr als 20 mg Psilocybin zum Zeitpunkt des Todes.
„Und was ist mit dem Psilocybin?“
„Darüber wollte Orthuber auch mit dir sprechen.“
Ich griff zum Telefon.
„Morgen Frau Schmaller, Schönheit, ich hätte gerne … Danke.“
„Guten Morgen Herr Schönheit.“
„Sie wollten mich sprechen Dottore.“
Ich konnte ein verschmitztes Lächeln über das Telefon spüren, ein Lächeln, das Dr. Orthuber nie bei einer persönlichen Begegnung gezeigt hätte.
„Stimmt. Haben Sie meinen Autopsie Befund gelesen?“
„Gerade eben.“
„Ist Ihnen etwas aufgefallen?“
Jetzt musste ich raten – und zwar schnell.
„Die 20 mg Psilocybin im Blut?“
„Sagen wir so, vermutliche Einnahme von etwa 20 mg Psilocybin. Damit wäre unser junger Freund, zumal in Kombination mit dem Alkohol nicht mehr besonders standfest gewesen.“
„Spricht irgendetwas für den regelmäßigen Genuss von Drogen?“
„Also wenn Sie auf den Alkohol hinaus wollen: für eine Fettleber war der Knabe definitiv zu jung. Der regelmäßige Gebrauch von psychogenen Drogen ist schwierig zu verifizieren. Die vermutlich eingenommene Dosis ist auf alle Fälle recht hoch. Wir warten noch auf den Haartest um zu sehen ob er diesen Stoff schon länger zu sich genommen hat. Allerdings hat er eine recht kurze Frisur.“
„Das heißt wir können allenfalls ein paar Wochen zurückgehen?“
„Genau“
„Und was können Sie mir sonst inoffiziell sagen?“
Da war es wieder, das Lächeln über die Telefonleitung.
„Herr Schönheit, Herr Schönheit .. also gut: ich habe auf seiner Brust, links, direkt unter dem linken Schlüsselbein schwache Hämatome, also …“
„Ich weiß was Hämatome sind.“
„Natürlich, ich vergaß.“
Schweigen. Ich hätte doch meine Klappe halten sollen.
„Was war denn nun das Besondere bei diesen Blutergüssen Herr Doktor?“
„Das Besondere, lieber Herr Schönheit, liegt darin, dass sie theoretisch die Abdrücke der Finger einer Hand darstellen könnten. Das heißt, wiederum sehr theoretisch, dass jemand den jungen Mann gestoßen haben könnte.“
„Aber?“
„Genau. Großes aber. Die Abdrücke sind so schwach, dass ich diese Vermutung nie im Leben in einen Autopsie Befund schreiben kann. Ich dachte jedoch, es würde Sie vielleicht interessieren.“
Ich überlegte einen Moment.
„Vielen Dank lieber Herr Doktor. Haben Sie sonst noch etwas für meine Kopfschmerzen?“
„Aspirin?“

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