Smalto

Kaum hatte ich mein Handy in der Jackettasche versenkt und die Tür zu Smaltos Wohnung zugezogen stand auf einmal ein Mann vor mir. Ich hatte ihn weder kommen sehen noch hatte ich ihn gehört. Wir waren etwa gleichgroß, er wirkte etwas älter, trug eine Edeljeans, ein dunkelgelbes Jackett und zu einem weißen Hemd eine ziemlich extravagante Fliege.
„Darf ich fragen, was Sie in meiner Wohnung gemacht haben?“
Ach so.
„Herr Dr. Smalto?“
„In der Tat.“
„Mein Name ist Schönheit, Kripo München.“
Ich fischte wieder einmal meinen Ausweis heraus.
Er schien zu den wenigen zu gehören, die sich nach dieser Ansage trauten, den Ausweis einer genaueren Prüfung zu unterziehen.
„Kriminalrat, aha. Und was hatten Sie in meiner Wohnung zu suchen?“
„Ich wollte mit Ihnen über den verstorbenen Peter Riesacher sprechen.“
Er gefror mitten in der Bewegung und wenn ich meinen Ausweis nicht in der Hand behalten hätte, während er ihn examinierte, wäre er wahrscheinlich das Treppenhaus heruntergesegelt. Florian Smalto stand völlig regungslos im Treppenhaus.
„Herr Smalto?“ Ich berührte ihn sanft an der Schulter.
Er hob die Augen und sah mich an.
„Peter ist tot?“
„Wussten Sie das nicht.“
„Nein. Wie ist es denn … was ist ihm …“ Er schien völlig verwirrt.
„Er ist von der Balkonbrüstung des Studentenheims gestürzt, in dem er wohnte. Haben Sie wirklich nichts davon gehört?“
Langsam schien er seine Fassung wiederzugewinnen. Er trat einen Schritt zurück und lehnte sich an die Brüstung des Treppenhauses.
„Nein, davon hatte ich wirklich noch nichts gehört. Peter war letzten Freitag noch in meinem Seminar…“ Er schien mit seinen Gedanken an einen anderen Ort zu wandeln. „Peter war ein außergewöhnlicher Student. Sehr empfindsam, wissen Sie.“ Er schien zu lächeln. „Fast im romantischen Sinne.“
„Genau über dieses Seminar möchte gerne mit Ihnen sprechen. Mir liegt sehr daran, den Verstorbenen näher kennen zu lernen.“
Langsam schien sein kritischer Geist wieder zurückzukehren.
„Ich hatte den Eindruck, dass es sich um einen Unfall handelte.“
„Das wissen wir noch nicht, Herr Dr. Smalto. Für uns ist es zunächst ein ungeklärter Todesfall, deshalb die Ermittlungen.“
Er schien irgendwie zwischen der Realität dieses Treppenhauses und einer oder mehreren anderen Welten hin und her zu pendeln.
„Sagen Sie mal, wie sind Sie eigentlich in meine Wohnung hinein gekommen?“
Die Realität schien ihn wieder eingeholt zu haben.
„Ihr Sohn hat mir geöffnet.“
„Mein Sohn?“
„Ja, zumindest nannte er Sie Papa.“
Er starrte mich an.
„Auch wenn er sonst, ein wenig verwirrt schien.“
„Verwirrt?“
„Ja, verwirrt. Er schien mir nicht recht zu verstehen worum es eigentlich ging, obwohl ich es ihm deutlich erklärte. Ich habe ihm meine Visitenkarte für Sie gegeben, bevor er in sein Zimmer zurückschlurfte.“
„Sagte Sie gerade, schlurfte?“
Ich nickte.
„Herr Dr. Smalto, nimmt ihr Sohn vielleicht …“
Er schien jetzt endgültig aus seiner Starre aufgewacht zu sein.
„Nein, tut er nicht.“ Er suchte anscheinend seinen Schlüssel in den Taschen seines Jacketts. „Martin ist krank.“ Endlich hatte er den Schlüssel gefunden. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen.“
„Ich muss Sie wirklich dringend sprechen.“
„Verstehen Sie nicht? Ich kann jetzt nicht. Rufen Sie bitte später an, meine Nummer steht im Telefonbuch.“
„Ich weiß, aber …“
Er hatte die Tür mit großer Eile aufgesperrt, mir noch einmal zugenickt und sie hinter sich ins Schloss geworfen.

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