Espressozeit

Mittlerweile machte sich mein Magen bemerkbar und außerdem war ich der Meinung, langsam einen trinkbaren Espresso verdient zu haben. An etwas Vernünftiges zum Essen war in dieser Stadt, von der Thomas Mann einmal behauptete sie leuchte, um kurz vor drei nicht zu denken. In der Kaulbachstrasse gab es jedoch einen kleinen Laden, wo mein Freund Orazio nicht nur exzellenten Kaffee verwendete, sondern auch über so subtile Kenntnisse seiner altersschwachen Pavoni Maschine verfügte, dass er ihr einen mehr als nur erträglichen Espresso entlockte.
„Ciao, Orazio.“
Ciao, Bene, auch mal wieder in der Gegend.“ Er grinste. „Du siehst aus, als ob du einen Doppio gebrauchen könntest.“
„Gut beobachtet.“
Er praktizierte mit abgezirkelten Bewegungen den Kaffee ins Sieb, ließ es an der Kaffeemaschine einrasten und Sekunden später verbreitete sich ein herrlicher Duft, der meine Lebensgeister wieder weckte.
„Warst Du für den Auflauf da vorne verantwortlich?“
„Eigentlich war der Tote dafür verantwortlich.“
„Mord?“
„Orazio, per favore!“ Ich reckte die Hände in einer dramatischen Geste der Decke entgegen, wie es Italiener üblicherweise tun, wenn sie ihrem Gegenüber klar machen wollen, dass er etwas gänzlich Unmögliches von Ihnen verlangt.
„Ich weiß, ich weiß, Bene … ich werde es morgen in der Zeitung lesen.“
„Wir wissen echt noch nichts, Orazio.“ Ich grinste. „Dir würde ich es doch sagen.“
Er machte eine Geste, mit der man den „bösen Blick“ abwehrt, griff unter die Theke und goss zwei Grappa ein.
„Orazio, ich bin im Dienst.“
„Per favore, Commissario, aber wenn du hier bist, dann nicht.“
Mir fiel ein, dass ich dringend Klaus anrufen musste, aber zunächst musste dem angebotenen Grappa, den Orazios Vater irgendwo im Trentino produzierte, genüge getan werden.
„Salute.“
Kaffee und Grappa verbreiteten nicht nur eine wohlige Wärme in mir, irgendwie schärfte diese Mischung auch meine Sinne. Trotzdem sollte ich …
„Entschuldige mal, Orazio.“
Ich zog die Ausdrucke vom Matrikelamt aus der Tasche und las sie. Nächste Verwandte Alois Riesacher, Vater und Marianne Riesacher, Mutter – beide wohnhaft im Leutasch in Tirol. Eine Adresse aber keine Telefonnummer. Nun, das sollte ein lösbares Problem darstellen. Ich wählte Klaus Nummer im Präsidium.
„Brunner“
„Servus, Klaus. Gibt’s was Neues?“
„Nicht wirklich. Wir haben immer noch nichts aus Innsbruck bekommen.“
„Macht nichts, ich habe die Dame vom Matrikelamt bezirzt.“
Ich diktierte Klaus die Daten.
„Finde bitte die Telefonnummer heraus und dann rufst du da an. und zwar gleich.“
„Aber, Chef .. „
„Ich weiß, du magst das nicht, aber gewöhn dich dran. Ich kann das nicht zwischen Tür und Angel machen. Und dann schwingst du dich zurück an die Uni und treibst ein paar Leute auf, die ihn gekannt haben. Man kann in einem Studentenheim nicht unsichtbar umher wandeln. Wir brauchen mehr Informationen über sein Umfeld.
„Aber, Chef, vielleicht war es nur ein Unfall.“
„Klaus, wir ermitteln. Ich habe bei der ganzen Sache ein ungutes Gefühl, und Theiss brauchen wir morgen früh mit deinem „vielleicht“ erst recht nicht zu kommen. Der will Fakten und ich auch. Komm in die Pötte und nimm Adil mit, wenn er nichts Besseres zu tun hat.
„Alles klar.“
Ich steckte mein Handy ein. Vielleicht war ich ihm ein wenig auf die Zehen getreten aber manchmal ließ sich das nicht vermeiden.
„Du kannst ja richtig autoritär sein,“ meinte Orazio.
„Weißt du, Orazio, mein Kollege braucht manchmal einen leichten Tritt vors Schienbein, er wird nicht fürs Kaffeetrinken bezahlt.“
„Magst noch einen?“ er deutete auf seine Pavoni.
Ich schüttelte den Kopf und grinste.
„Danke, aber ich auch nicht.“ Ich warf einen Blick auf die Uhr: gleich vier. „Sag mal Orazio, hast du noch so etwas Altmodisches wie ein Telefonbuch?“
„Certo.“
Dieses Mal förderte der Griff unter die Theke nicht die Grappa Flasche sondern einen dicken Wälzer zu Tage, sogar in neuester Ausgabe. Hoffentlich besaß Dr. Smalto einen Festnetzanschluss und hatte sich auch noch eintragen lassen, sonst müsste ich den lästigen Umweg über das Präsidium machen. Ich hatte Glück: Smalto, Dr. Florian, Clemensstrasse 16. Ich überlegte kurz, ihn anzurufen, entschloss mich aber dann auf gut Glück vorbeizuschauen, verabschiedete mich von Orazio, versprach bald wiederzukommen und radelte gen Schwabing.

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