Pilzgericht

Mittermaier ging auf das Fenster zu, auf dessen Bank zwei rechteckige Blumenkästen mit einer Plastikabdeckung standen.
„Ist das Ihre Corpus delicti?“ fragte ich.
Er nickte und hob eine der beiden Plastikhauben ab.
Darunter befand sich ein Gewirr kleiner Pilze, die auf dünnen Stielen mit kleinen mittelbraunen Köpfen ein wenig wie Mützchen aussahen.
„Darf ich vorstellen,“ meinte Mittermaier,“ der Spitzkeglige Kahlkopf. Ein bei den Adepten eher weniger verbreitete Spezies.“
Ich sah ihn fragend an.
„Na ja, die meisten kaufen Kubanische Kahlköpfe, die haben größere, flachere Köpfe, sind eher mittelbraun und, wie soll ich sagen, deutlich gehaltvoller.“
„Und wo kauft man die?“ Ich hatte mich zugegebenermaßen nie mit den Details dieser auch als Magic Mushrooms bekannten Pilze auseinandergesetzt. Die Zahl der Todesfälle in diesem Zusammenhang war ebenso gering, wie mein persönliches Interesse.
„In München offiziell gar nicht, aber in Österreich bekommen sie die relativ problemlos und in den Niederlanden sowieso.“
„Und was ist nun das besondere an diesen Spitzkegligen …“
„… Kahlköpfen? Dass sie hier auch wild wachsen. Können sie auf vielen natürlich gedüngten Wiesen finden. Wenn Sie wissen, was sie tun, können sie die samt dem Mycel in Töpfe verpflanzen und wenn die Bedingungen stimmen, vermehren sie sich und bescheren ihrem Eigentümer so manche nette Stunde.“
Ich blickte aus dem Fenster.
„Oder auch nicht. Warum kaufen denn die meisten den kubanischen Pilz, wenn sie den anderen nur einsammeln müssten?“
„Keine Ahnung, Schönheit. Bequemlichkeit? Die Generation shoppt halt lieber.“
Ich verkniff mir eine Bemerkung zu den soziologischen Ergüssen meines Kollegen.
„Der Wirkstoff ist Psilocybin, oder?“
„Wo haben Sie das denn so schnell gegoogelt?“
„Nix Google.“ Ich zückte mein quasi antikes Handy, mit dem man allenfalls mal eine SMS schreiben konnte. „Manchmal macht sich zuhören bei Weiterbildungen bezahlt. Das wirkt ähnlich wie LSD, oder.“
„Das stimmt, Herr Kollege. Es hat allerdings einen verzögerten Wirkungseintritt und ist auch nicht ganz so berechenbar.“
„Was wissen Sie denn sonst noch über diese magischen Pilze?“
„Wie gesagt, sie sind nicht so berechenbar, wie manch andere Substanzen. Während man nach einer, vielleicht anderthalb Stunden eher zu Hyperaktivität neigt, folgt darauf eine Phase der Bewegungslosigkeit, ja der Starrheit, jedoch ohne Bewusstseinstrübung.“ Er grinste, „Ausprobiert habe ich das allerdings noch nicht.“
„Gibt es irgendwelche Zusammenhänge mit einer Selbstmordneigung?“
„Meine Wissens nicht. Natürlich, wenn Sie high auf der Balkonbrüstung balancieren kann da schon ins Auge gehen.“

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