Ein Toter am Montag

Schönheit.“
„Kommen Sie bitte mal kurz zu mir rüber, Herr Schönheit?“
Der Chef.
„Klar. Irgendetwas Spezielles?“
„Ein Toter.“

Weg war er. Theiss sparte sich große Worte und schöne Formulierungen üblicherweise für Gespräche mit dem Präsidenten oder gelegentliche Konferenzen bei Europol auf. Ich warf die Akte wieder auf den Stapel, deutete mit dem Daumen über die Schulter und meinte zu Adil und Klaus, die mich gespannt anblickten:
„Bin gleich wieder da.“

Die Türe zu Theiss Büro stand offen, seine Sekretärin schien sich ein frühes Mittagessen in der Kantine zu gönnen, als der Walrossschnauzbart von Max Mittermeier von der Drogenfahndung um die andere Ecke des Gangs geschossen kam.
„Joint Task Force, Herr Kollege?“
Er grinste.
“Ihr Chef war, wie immer, sehr kurz angebunden.”
„Kommen Sie doch bitte herein, meine Herren.“
Theiss hatte seine Ohren wirklich überall. Wir betraten sein penibel aufgeräumtes Büro. Obwohl mir Chaos auf dem Schreibtisch auch zuwider war, könnte ich nie in einer so ordentlichen, fast sterilen Umgebung arbeiten. Kriminaloberrat Robert Thieiss war nur unwesentlich älter als ich, hatte sich von ganz unter hoch gedient und auf dem Weg nach oben zum Machtmenschen entwickelt. Unser alter Chef hielt sich bei der Personalie seines Nachfolgers immer taktvoll bedeckt. Er hielt ihn wohl für fachlich fähig, über das persönliche schwieg er sich aus. Theiss modische Brille war ein Stück auf das Nasenbein herunter gerutscht, als er uns aufforderte, Platz zu nehmen.

„In der Kaulbachstrasse scheint jemand vom Dach gefallen zu sein.“
Mittermeier und ich schauten uns an.
„Und was haben wir damit zu tun, Herr Kriminaloberrat?“
Theiss nahm seine Brille ab, um mit ihr zu spielen.
„Nun, die Kollegen vor Ort können ein Tötungsdelikt nicht ausschließen, auch wenn alles nach Selbstmord oder einem Unfall aussieht.“ Er hob die Hand, um eine weitere Nachfrage Mittermeiers im Ansatz zu stoppen.
„Zum anderen haben sie im Zimmer des jungen Mannes eine, wie soll ich es ausdrücken, eine kleine Pilzplantage gefunden, die vermutlich ihr Interesse wecken könnte, mein lieber Mittermeier.“
Er räusperte sich.
„Zumal Sie ja letzten Dezember so gut zusammengearbeitet haben.“
Der Chef spielte auf die Affäre um eine getötete Obdachlose an, die zur Enttarnung einer Gruppe von Drogenhändlern geführt hatte. Mittermeier und ich hatten am Ende tatsächlich am gleichen Strang gezogen, auch wenn seine Abneigung immer wieder spürbar gewesen war. Seiner Meinung nach hatten „Professorensöhnchen“ nichts im Polizeidienst verloren.

„Und Sie meinen, wir sollten gemeinsam einen Blick darauf werfen?“
„Nun, Herr Schönheit, Sie müssen ja nicht gemeinsam hinfahren. Ich kenne Ihre Vorliebe für den Drahtesel, aber vielleicht können Sie sich des Falles gemeinsam annehmen. Und ohne Kompetenzgerangel bitte. Die Leiche gehört uns, die Pilze Ihnen, Mittermeier.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.