13. Dezember – Das Krankenhaus München Schwabing

 gewinnt hier eine gewisse Bedeutung für unseren Helden und

sieht von außen ein wenig wie eine Besserungsanstalt aus. Nein, ernsthaft. Es ist ein riesiges, von einer drei Meter hohen Mauer umgebenes Areal, das Innenleben ist auf unzählige Häuser verteilt. Wie sollte man da rein kommen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen? Ich wollte mir ein Bild verschaffen und nicht unbedingt durch den Haupteingang, möglichst noch unter Vorlage des Dienstausweises, hinein marschieren.

Ich lief an der Außenmauer entlang, um zu sehen, wie leicht der Zugang zu den innen liegenden Gebäuden war. Eine Möglichkeit war die Baustellenzufahrt auf der Westseite, allerdings war der Bereich eingezäunt und Außenstehende ohne Schutzhelm wären vermutlich auch schnell aufgefallen.
Im östlichen Bereich, in dem sich scheinbar überwiegend Verwaltungsgebäude befinden, kam man problemlos auf das Gelände. Obdachlose fielen mir dieses mal nicht auf, als ich von der U-Bahnhaltestelle Richtung Klinikmauer lief. Der Zugang für Fahrzeuge war über eine Schranke geregelt, aber Fußgänger schienen niemanden zu interessieren.
Ich betrat das Gelände und lief eine Art Hauptstraße entlang; einen Plan der Klinik hatte ich mir zwar besorgt, Einsatzkräften standen solche Pläne zur Verfügung, aber das half nur wenig, da ich mir nicht sicher war, was ich wirklich suchte. Ich lief an der Rückfront eines großen Hauses entlang, in dem überwiegend Patientenzimmer zu sein schienen. Links vor einem Haus standen ein paar Männer, die rauchten. Ich trat dazu.
„Servus.“
Kopfnicken.
„Wissen Sie zufällig, wo man hier einen Kaffee
bekommen kann?“
„Im Bistro“, nuschelte einer.
„Gibt’s nicht was Näheres?“ Manchmal haben Versuchsballons ja Erfolg.
„Gehen Sie halt da drüben in die Hämatologie. Der Automat ist für hiesige Verhältnisse nicht schlecht.“
„Schönen Dank.“
„Werdender Vater?“
Ich musste lachen.
„Sehe ich so aus? Nein, ich warte auf eine Verwandte.“
„Hier in der Schmerzambulanz?“
„Nein, in dem Haus da drüben.“
„Ach so, in der Psychiatrie.“
Autsch.
„Vielen Dank auf jeden Fall.“
Stimmt, der lange Bau da vorne war die Psychiatrie, dahinter lag das Zentrum für Suchtkrankheiten.

Ich folge dem Rat der Herren und ging in das gege-nüberliegende Gebäude, um einen Kaffee aufzutreiben. Mein suchender Blick beim Betreten des Gebäu-des schien den Argwohn einer Dame in hellblau
geweckt zu haben.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich suche einen Kaffeeautomaten.“
„Wir sind ein Krankenhaus und keine Cafeteria. Sind Sie Patient?“
„Nein, ich begleite meine Tante. Sie hat drüben
einen Termin.“
„Drüben?“
„Na ja, in der Psychiatrie.“
Ein prüfender Blick.
„Dort gibt es aber auch Kaffeeautomaten.“
„Hab ich aber nicht gefunden. Und die Herren dort haben mich hier hinein geschickt.“
„Wer? Die Tunichtguts vor der Schmerzambulanz? Ich könnte Ihnen da Sachen erzählen … aber Sie wollten ja einen Kaffee trinken … am besten gehen Sie hier vor und dann über die Treppe links in den ersten Stock.“
Ich musste sie so entgeistert angesehen haben, dass sie Mitleid bekam.
„Na gut, ich wollte mir auch gerade einen holen. Kommen Sie mit.“
Es war im Übrigen viel einfacher, als ich befürchtet hatte, und der Kaffe war durchaus genießbar.
„Was meinten Sie eigentlich vorhin, als Sie sagten, Sie können mir so einiges über die Herren vor der …“
„Schmerzambulanz.“
„… genau, erzählen?“
„Warum interessiert Sie das denn?“
„Ich bin ein neugieriger Mensch.“
„Eigentlich geht sie das doch gar nichts an.“
„Sagen wir mal, ich bin von Beruf neugierig.“
„Sind Sie etwa Journalist? Die mag der Herr Professor überhaupt nicht. Bringen nur Unruhe ins Haus, sagt er.“
Ich machte mir eine mentale Notiz, wirklich mit Martina über das Schwabinger Krankenhaus zu sprechen.
„Nein, keine Bange, ich bin weder vom Fernsehen, noch von der Zeitung.“
„Aber eine kranke Tante haben Sie hier auch nicht.“
Ich schmunzelte.
„An Ihnen ist ja eine Kriminalistin verloren gegangen.“
„Also?“
„Ich fürchte, der berufsmäßige Kriminalist von uns beiden bin ich.“
Sie schaute mich kritisch an.
Ich zeigt ihr halb verdeckt meinen Dienstausweis.
„Bitte Schwester …“
„Oberschwester.“
„Bitte, Oberschwester, das muss im Vertrauen bleiben. Ich ermittele hier nicht offiziell.“
Sie senke unwillkürlich ihre Stimme.
„Worum geht es denn?“
„Um Mord.“
„Bitte?“
„Haben Sie von dem Mord an der Obdachlosen in der Pfarrei St. Agathe gehört?“
„Natürlich habe ich das. Der arme Herr Pfarrer Schönheit. Wissen Sie, ich wohne da ums Eck …“
Das hatte mir gerade noch gefehlt. Offenbar ein Jean-Baptiste-Fan.
„Genau, Oberschwester. Wir haben Hinweise
bekommen, dass sich eine Vertraute der Toten öfters hier auf dem Gelände aufhält.“
„Wo haben Sie das denn gehört?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Meine Mitarbeiter haben sich ein wenig umgehört.“
„Ihr Mitarbeiter?“
„Ich bin Kriminalrat.“
In Deutschland hatten Titel einfach ihr Gutes, ich schien in ihrer Achtung deutlich gestiegen zu sein.
„Ich kann mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, wie die hier auf das Gelände kommen sollte.“
„Ich bin auch einfach hereinspaziert.“
„Ja Sie, Herr Kriminalrat.“
Sie schien Jeans, Pullover und Baskenmütze zu
ignorieren.
„Es stimmt schon, bisweilen sieht man hier Gestalten, bei denen man nicht so genau weiß, wo die hin-gehören. Aber es geht mich ja auch nichts an.“
„Haben sie denn eine Vermutung?“
„Man sieht sie eher abends und mehr in diesem Teil des Klinikgeländes.“
„Abends?“
„Ja. Vielleicht kommen Sie einfach später noch einmal wieder.“
„Und Sie haben keine Ahnung, worum es da gehen könnte?“
„Ich … nein, ich möchte wirklich nichts dazu sagen. Ich möchte niemand Unrecht tun.“
Mir fiel das gealterte Bild von Monika Ernst ein; ich zog es aus meiner Jackentasche.
„Sagen Sie mal, Oberschwester, haben Sie diese Frau, oder eine Frau, die ihr ähnlich sieht, schon einmal hier oder in der Nähe der Klinik gesehen.“
„Warum?“
Sie war immer noch kritisch.
„Sie ist eine wichtige Zeugin, vielleicht sogar die Schlüsselzeugin zur Aufklärung unseres Mordfalls in St. Agathe.“
„Mord?“
Las die Frau keine Zeitung?
„So leid mir es tut, ja. Höchstwahrscheinlich Mord.“
„Tut mir leid, Herr Kriminalrat, aber ich kann mich nicht an die Frau erinnern.“
„Wenn Sie sie doch sehen sollten, rufen Sie mich bitte an.“
Ich gab ihr meine Karte.
„Gewiss.“
„Und wenn ich Sie noch einmal sprechen möchte, Schwester …“
Ich warf einen Blick auf ihr Namensschild.
„… Elisabeth?“
„Wenn es unbedingt sein muss, finden Sie mich auf Station 6d.“
Damit ließ sie ihren Kaffeebecher in den nächsten Mülleimer fallen und marschierte den Gang hinunter.
Gab es wirklich noch solche Oberschwestern?
Offensichtlich.

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