6. Dezember oder

was an einem Nikolaustag so alles passieren kann. Ein zweiter Ausschnitt aus der Erzählung „Hanna oder das Maß aller Dinge“

„Sieben Leberkässemmeln?“
„Ja, bitte.“
„Haben Sie noch Größeres vor?“
Ich lächelte.
„Armenspeisung.“
Jetzt wusste Frau Thiersch wirklich nicht, ob ich Sie auf den Arm nahm.
„Ja, dann …“
„Ach ja, und sechs grüne August.“
Unter letzterem Namen lief in eingeweihten Kreisen das Münchner Augustiner Vollbier ob seines grünen Etiketts.
Frau Thiersch verkniff sich einen weiteren Kommentar.
Um das Maß voll zu machen, setzte ich ein „Dienstlich.“ hinzu. Sie stemmte die Arme in die Hüften.
„Also, Herr Kommissar, jetzt geben’s fei Acht.“
„Ach, Frau Thiersch, Sie kennen mich doch. Ich muss ein paar schwierige Zeugen vernehmen.“
„Mit mir kann man’s ja machen“, brummte sie.
„Nein, ehrlich.“
„Passt scho.“

Ich zahlte, nahm meine zwei Tüten und trollte mich. Georg und Paul saßen noch genauso da, wie ich sie vor einer Viertelstunde verlassen hatte, und grinsten wie zwei Honigkuchenpferde.
Nach einigen Minuten gefräßigen Schweigens warf ich ein „Und?“ in die Runde.
„Die Hanna hat’s erwischt“, ließ sich Paul vernehmen.
Sie merkten mir meine Überraschung an.
„Und woher wisst ihr das schon wieder?“
Wir hatten die Tote, eine Johanna Fliegl, anhand ihrer Fingerabdrücke identifiziert. Sie hatte ein bei Nichtsesshaften nicht unübliches Strafregister, hauptsächlich kleinere Diebstähle und Hausfriedensbruch in Zusammenhang mit Trunkenheit. Mich interessierte, was die beiden über die „Hanna“, wie sie in ihren Kreisen hieß, wussten.
„Die hat’s a ned leicht gehabt. Des war scho a armes Hascherl, “ bemerkte Paul. „Die ist vor fünfundzwanzig Jahren, oder so, aus dem Osten rübergekommen.“
„So?“
„Drüben war wohl alles in Ordnung. Sie hat immer erzählt, dass sie bei der Reichsbahn war. Lokführerin. Das sei für eine Frau dort ein ganz normaler Beruf gewesen, “ erzählte er. „Sie war da mächtig stolz drauf …“
„Aber nach der Wende hätten die Scheißwessis …“
„Na, na …“
„Doch, doch, Herr Kommissar, genau so hat sie es erzählt. Man hat sie entlassen. Also, man hat ihr angeboten, in irgendeine Auffanggesellschaft zu wechseln. Das wollte sie aber nicht und hat lieber eine Abschlagszahlung genommen – Und ist rübergemacht.“
„Rübergemacht?“
„So hat sie immer gesagt“, erläuterte Georg.
„Rübergemacht. In den Westen ist sie halt gegangen.“
„Wisst Ihr, wohin genau?“
„Nach München.“
„Hierher?“
„Ja klar. Die war bei der Straßenbahn.“
„Die Hanna? Bei der Tram?“
„Klar doch. Die war Trambahnfahrerin. Also eigent-lich wollte sie zur U-Bahn, aber dann hat ihr das mit dem Tunnel nicht so getaugt und sie ging zur Tram. Die ist mindestens zehn Jahre, oder so, Tram gefah-ren.“
„Und wie ist sie dann auf der Platte gelandet?“
Georg setzte seinen tieftraurigen Hundeblick auf.
„So wie wir alle, Herr Kommissar, so wie wir alle.“
Ich hielt seinem Blick stand.
„Sie hat einen Fehler gemacht“, warf Paul ein. „Einen einzigen. Einen einzigen Scheißfehler.“
„Mann weg. Saufen angefangen. Unfall gebaut. Rausgeflogen.“
Ich schwieg.
„Und dann?“
„Und dann, und dann … Rolltreppe abwärts.“
„Kann ich das noch mal zum Mitschreiben bekom-men? Sie war also verheiratet?“
Sie schauten mich an, wie man ein besonders begriffsstutziges Kind anschaut. Die letzten Leberkässemmeln waren in ihren Mündern verschwunden. Die zweite Halbe Augustiner näherte sich ihrem Ende.
„Hätte ihr der Mann weglaufen können, wenn sie es nicht gewesen wäre? Sie hatte irgendwann Mitte der neunziger geheiratet. Einen Karl, aber mehr als den Namen kennen wir auch nicht. Angeblich ihre große Liebe. Er hat sie dann wegen einer Jüngeren sitzen lassen.“
„Wie das Leben so spielt“, warf Paul ein. Ob er aus Erfahrung sprach?
„Es muss sie wirklich getroffen haben“, meinte Ge-org jetzt ganz ernst. „Sie fing an, sich regelmäßig zu betrinken, und dann hat sie mit der Tram einen Unfall gebaut, direkt am Stachus. Sie muss noch einen sitzen gehabt haben; es war ziemlich in der Früh und da haben sie sie rausgeworfen.“
„Aber nichts für ungut: wenn man arbeitslos wird, landet man doch nicht gleich auf der Straße …“

Die beiden kannten mich gut genug, um zu wissen, wie ich es meinte. Alle, Männer wie Frauen, denen ich im Rahmen meiner damaligen Ermittlungen begegnet war, hatten irgendeinen Bruch im Leben erfahren. Es gab immer einen Punkt, an dem man gestürzt und nicht wieder aufgestanden war, einen Punkt, an dem das normale Leben nicht mehr das Maß aller Dinge war. Auch diejenigen, die sich wie Paul und Georg einen gewissen Stolz bewahrt hatten, waren den Weg auf die Straße bewusst gegangen.

Die beiden tauschten einen Blick aus.
„Wir haben keine Ahnung, Herr Kommissar. Du bist doch schon länger hier, Paul …“
„Sie ist irgendwann vor sechs oder sieben Jahren aufgetaucht. Sie war einfach da. Hatte ihre Wohnung verloren, war ständig voll und völlig abgedreht.
Irgendwann hat die Moni sie dann aufgegriffen, und dann ist es besser geworden.“
„Moni?“
„Ja, die haben’s doch damals kennengelernt“, rief Paul.
Hatte ich? Wirklich?
Cover
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnd.de abrufbar

© 2014 Dr. Thomas Michael Glaw

ISBN: 978 – 3 – 734730108

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