1. Dezember oder …

das erste Kapitel.

Im Dezember 2014 ist diese Erzählung vollständig in diesem Blog veröffentlicht worden. Jetzt, im März 2015, ist sie schon seit längerem im traditionellen Buchhandel und als E-Book erhältlich. Hier werden sich also nur noch einige Kapitel finden. Ich würde mich freuen wenn interessierte Leserinnen und Leser das Buch kauften. Ich sitze derweilen am nächsten Roman, der im Juli ins Lektorat geht 🙂

Es war grau. Es nieselte. Viele kleine Tropfen vereinigten sich an meinem Schlafzimmerfenster zu Größeren. Warum war ich schon so früh wach geworden? Keine Ahnung. Die Glocken der nahen Kirche war ich eigentlich gewöhnt, und zur halben Stunde waren es nur zwei Schläge. Trotzdem war halb sieben eindeutig zu früh.

Die warme Bettdecke gab eigenartige Geräusche von sich, als ich sie mir bis zum Kinn zog. Vielleicht hätte ich doch nicht die billigste Qualität nehmen sollen.

Meine Gedanken schweiften ab. Es war Montag. Um halb elf war die Wocheneingangsbesprechung mit dem Chef. Ich habe nie verstanden, warum er darauf bestand, diesen Termin, den er von seinem Vorgänger vor vielen Jahren übernommen hatte, aufrecht zu erhalten. In unserer schnelllebigen Zeit zogen sich Ermittlungen nicht mehr über so lange Zeit hin.

Mich hielten diese Konferenzen eher davon ab, meine eigenen Wege zu gehen. Ich hatte mir durch einige Erfolge in der Vergangenheit den Ruf des, wohlgemerkt erfolgreichen, Einzelgängers erworben. Das bringt zwar einen gewissen Freiraum, aber eben auch Neider. Mein Vater hielt es für einen Witz, dass sich sein Jüngster nach dem abgeschlossenen Jurastudium dem Polizistenberuf zuwandte. Er mochte schon das Jurastudium nicht, es war ein Kompromiss gewesen. Ich hätte lieber Philosophie studiert, er wollte die ärztliche Tradition in der Familie fortgesetzt gesehen, nachdem, um mit seinen Worten zu sprechen, schon mein Bruder und meine Schwester „aus der Art geschlagen waren“. Jura war zumindest der Garant „für einen anständigen Beruf“. Und jetzt das: Kriminalrat bei der Mordkommission.

Ich mochte schon immer klare Denkstrukturen. In der Philosophie und auch in der Juristerei meinte ich, sie gefunden zu haben. Der Gang zu Polizei? Eigentlich war es eine Laune. Irgendwie wollte ich etwas Struktur in mein Leben bringen. Ich fand die Ermittlungsarbeit von Anfang an leicht; ich kann mich gut in Menschen hineinversetzen und füge gerne Einzelbeobachtungen zu einem logischen Ganzen zusammen.

Aber warum erzähle ich das eigentlich?

Ein grauer, dunkler Morgen … ich erinnerte mich: der Morgen vor einem Jahr war genauso grau, nur kälter. Es war eine merkwürdige Geschichte, die mich durch den letzten Advent begleitete. Sie begann an einem Montag, und das Handy musste genau um diese Zeit geläutet haben.

„Schönheit“, hatte ich gemurmelt.

Doch, ich heiße wirklich so, kein Witz. Benedict Schönheit.

„Bist Du es, Bene?“

So konnte eigentlich nur mein Bruder fragen.

„Und wer sollte sonst in aller Herrgottsfrüh an mein Handy gehen? Brauchst Du einen Messdiener für die Frühmesse? Vergiss es! Schau lieber mal auf die Uhr.“

„Bene, du musst sofort rüberkommen, es ist etwas passiert.“

Mein Bruder hatte Theologie studiert und, um mit Vater zu sprechen, es zumindest zu etwas gebracht. Als päpstlicher Ehrenkaplan durfte er sich „Monsignore“ nennen und tat das auch mit großem Vergnügen. Aber Eitelkeit ist ja wohl eine lässliche Sünde. Er war zurzeit Leiter einer Pfarrei in München Schwabing, wo auch ich lebe.

„Haben sie dir wieder Rosenstöcke aus dem Garten geklaut, oder ist gar jemand in deinen Weinkeller eingestiegen und hat sich des Zweiundachtzigers bemächtigt?“ Ich fand es schwer, die Ironie im Zaum zu halten, wenn ich der Probleme meines Bruders gedachte. „Ich kann dir die Telefonnummer der Polizeiinspektion 13 geben, die Kollegen kommen sicher gerne vorbei.“

„Benedict.“

„Ja.“

„Wir haben eine Leiche.“

„Im Keller? Das erstaunt mich nicht. Du arbeitest doch für die Kirche…“

„Hör endlich mal zu! Wir haben eine tote Frau im Garten liegen.“

„Und warum rufst du nicht die Polizei?“

„Du bist die Polizei, du Depp! Und ich brauche jetzt wirklich mal deine Hilfe. Das Letzte, was ich brauche, ist das große Tatütata. Komm bitte rüber.“

„Ernsthaft?“

„Ja, ganz ernsthaft. Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll. Die Frau sieht aus wie eine Pennerin und ist ein eindeutig tot.“

„Eine Obdachlose, wolltest du wohl sagen. Und woher weißt du, dass sie tot ist?“

„Weil sie sich nicht rührt und eiskalt ist.“

„Vielleicht ist sie erfroren?“

„Benedict, bitte, komm einfach her.“

„Schon unterwegs.“


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnd.de abrufbar

© 2014 Dr. Thomas Michael Glaw

ISBN: 978 – 3 – 734730108

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