Mach Dir kein Bild

Doch.

Er ist fertig.

Der dritte Benedict.

© Thomas Michael Glaw

Es hat eine Weile gedauert.
Tut mir leid.

Aber man muss ja auch von irgendetwas leben.

Es geht um Mord.
Natürlich.

Und um Kunst.

Seid gespannt.

Wir gehen ins Lektorat.

 

 

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Schuld und Verführung

Seit letzter Woche ist der zweite Band der Reihe „Benedikt Schönheit ermittelt“ im Buchhandel und als eBook erhältlich. Ich freue mich, dass nach einigen Verzögerungen  die Veröffentlichung wieder mit BoD geklappt hat und bin sehr gespannt auf das erste Feedback meiner LeserInnen.

Benedikt Schönheit ermittelt 2: Schuld und Verführung

Den ersten fünf LeserInnen dieses Blogs, die mir eine eMail mit „Bene2“ im Betreff an thomas(at)the-team.de senden, möchte ich gerne ein signiertes Exemplar schenken. Wenn ihr eure Postadresse angebt, habt ihr es im Verlauf der nächsten zehn Tage im Briefkasten..

Euch allen viel Spaß mit dem neuen „Bene“.

 

 

Endspurt

Endlich ist das gute Stück beim Verlag und, so Gott will, in 10 Tagen als Printversion und EBook verfügbar. Es hat zugegebenermaßen lange gedauert und auch einige Nerven gekostet. Ich glaube nicht, dass sich jemand, der nicht selber schreibt, vorstellen kann, was für ein Gefühl es ist, ein neues Buch gedruckt in Händen zu halten. Ich freue mich unglaublich darauf – und wenn es dann endlich so weit ist gibt es eine keine Überraschung für alle meinen treuen Blogleser.

Zunächst aber hier noch einmal einen kleinen Ausschnitt aus dem neuen „Bene“:

So, jetzt brauchte ich nur noch einen Wagen. In diesem Moment kam Adil ins Zimmer.

„Bist du schon fertig?“

Er schaute schuldbewusst

„Ja, Chef.“

„Warst du mit dem Wagen in Schwabing?“

„Klar.“

Natürlich, der Münchner Kriminaler fährt nicht mit der U-Bahn. Das war schon zu Derricks Zeiten so.

„Dann schau, dass du den Wagen wieder kriegst, aber zackig. Wir fahren an den Starnberger See.“

„Frühes Mittagessen, Chef?“

„Nein, eine Leiche. Beweg dich.“

Fünf Minuten später brausten wir mit Blaulicht und Martinshorn Richtung Garmischer Autobahn. Adil sollte seinen Spaß haben. Ich hatte ihm erzählt, was passiert war, und er meinte unsere Vorgehensweise sei durchaus gerechtfertigt. Bisweilen konnte er reden, als ob ihn dereinst der Prinzregent in den Polizeidienst aufgenommen hätte.

„Wenn wir hier schon wie die Gesengten durch die Gegend rasen, erzähl mir wenigstens, was bei deiner Befragung in der Clemensstrasse herausgekommen ist.“

„Nicht wirklich viel, Chef. Wir sollten da noch einmal am Abend vorbeischauen, denn in dem Haus scheinen praktisch alle zu arbeiten. Nur eine ältere Frau, die dort schon seit 35 Jahren wohnt war zuhause.“

„Woher weißt du, wie lange sie schon dort wohnt?“

„Weil sie es mir gesagt hat.“

„Und wie hat der Kuchen geschmeckt?“

„Der Nusszopf war ausgezeichnet“; er stockte. „Woher weißt du, dass es dort Kuchen gab?“

„Du kennst doch meine Methoden, oh Adil, Tröster der einsamen Herzen. Was hatte die gute Dame denn sonst noch zu vermelden?“

Er grinste. „Sie scheint das Haus gut im Blick zu haben, wohnt im ersten Stock, Sophie wohnt direkt über ihr. Sie meint, normalerweise könne sie hören, wenn sie nach Hause komme, auch wenn Besuch da sei. Gestern Abend sei aber alles still gewesen. Wann Sophie gestern aus dem Haus gegangen ist, wusste sie nicht, weil sie einen Arzttermin hatte.“

„Hat sie den Besuch irgendwie beschreiben können?“

„Habe ich auch gefragt, Chef. Sie war sehr entrüstet, sie spioniere doch niemandem nach.“

„Gut, dann müssen wir sie gegebenenfalls auch noch einmal aufsuchen, falls die Weilheimer Kollegen dort tatsächlich Sophie gefunden haben sollten.“

 

Ich hatte keinen Blick für die schöne Landschaft, die noch letzten Sonntag in mir so viele Erinnerungen wach gerufen hatte. Dieser Fall war wie ein Puzzle mit ganz wenigen Teilen, die allerdings überhaupt nicht zusammen passten. Wenn der Förster tatsächlich Sophie gefunden hatte, machte das alles noch viel weniger Sinn. Natürlich konnte das alles ein Zufall sein, aber das wäre dann fast wie in einem schlechten Kriminalroman. Eine Beziehungskiste unter Studenten wurde doch nicht im Handumdrehen zu einem töd­lichen Drama. Adil riss mich aus meinen Grübeleien, weil er scharf bremste und auf die rechte Spur zog. Ich hatte mir verkniffen, auf den Tacho zu schauen, aber für mich war das neuer Rekord zur Ausfahrt Sees­haupt. Ich hatte ihm Kriminaloberrat Werners An­fahrtsbeschreibung gesagt.

„Wir kommen jetzt aber von der anderen Seite.“

„Stimmt schon, Chef, ist aber dieselbe Straße. Irgendwann werden rechts die Kollegen in grün stehen.“

Wir jodelten weiter mit Blaulicht. Etwa fünf Minuten später bremste er scharf und bog auf einen Waldweg ab. Keine Ahnung, wie er den Streifenwagen durch das Unterholz gesehen hatte. Vielleicht sollte ich doch mal zum Optiker gehen. Das Blaulicht auf dem Wagendach verhinderte vermutlich einen scharfen Kommentar der Weilheimer Beamten.

„Seid’s ihr die Münchner?“

Bevor Adil seinen Mund aufmachen konnte, hielt ich den Kollegen meinen Ausweis entgegen.

„Kriminalrat Schönheit.“

„Immer geradeaus, Herr Kriminalrat. Aber sagen’s dem jungen Mann, er soll langsam fahren, sonst brauchen wir noch einen Abschleppwagen.“

Ich nickte, er grinste und wir tuckerten los. Der Waldweg war gut ausgebaut, es war ein schöner, heller Mischwald, dessen unterschiedliche Grüntöne in der Mittagssonne leuchteten.

Etwa einen Kilometer weiter ließen wir den Wagen neben einigen anderen Dienstwagen stehen und gingen auf eine Gruppe Männer in Zivil zu. Ein drahtiger Mittvierziger in Lodenjoppe drehte sich um.

„Herr Schönheit?“

„Ja. Ich vermute mal, Herr Werner?“ Er nickte. Ich deutete auf Adil. „Das ist mein Kollege, Kommissar Usman.“

Hände wurden geschüttelt.

„Die KTU ist fertig, und unser Pathologe ist bei der Leiche. Wenn Sie einen Blick darauf werfen wollen, sie liegt dort drüben hinter den hohen Büschen.“

Ich bedankte mich, bedeutete Adil, mir zu folgen und ging zu dem Leichenfundort. Egal, wie lange man diesen Job schon machte, der Ort, an dem ein Mensch sein Leben verloren hatte, berührte einen immer wieder. Bei mir waren es nicht nur die Gedanken an einen anonymen Toten, ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass wir tatsächlich Sophie gefunden hatten. Ein grauhaariger Herr schien gerade mit seiner ersten Untersuchung fertig zu sein. Ich trat näher.

„Wer sind Sie denn?“

„Kriminalrat Schönheit, Kripo München. Ich würde gerne mal einen Blick auf die Tote werfen, es könnte sich um jemand handeln, den wir suchen.“

„Da waren Sie aber schnell vor Ort.“ Er bedeutete mir, näher zu treten, so dass ich das Gesicht sehen konnte, dass er bisher mit seinem Körper verdeckt hatte.

Es war Sophie, kein Zweifel.

Vielleicht hätte ich doch nicht raus fahren sollen. In wenigen Sekunden gingen mir viele Bilder durch den Kopf. Sophie als kleines Mädchen, Sophie beim Tennis spielen, Sophie auf dem marokkanischen Puff in Papas Arbeitszimmer beim Schachspielen. Der Arzt hatte mit Interesse mein Mienenspiel verfolgt.

„Kannten Sie die Tote?“

Ich nickte.

„Und deshalb sind Sie hier?“

„Nein.“ Ich holte tief Luft. „Frau Binder ist in einen ungeklärten Todesfall in München verwickelt. Wir suchten sie eigentlich als Zeugin. Es ist lediglich ein Zufall, dass wir im gleichen Ort aufgewachsen sind.“

Er schaute mich an, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

„Halten Sie die Kopfwunde für die Todesursache?“, fragte ich.

„Sie meinen, die Schädelverletzung? Mit großer Wahrscheinlichkeit, ja.“

„Und haben sie sonst etwas gefunden?“

Er deutete auf ihren linken Fuß.

„Die Stellung des Fußes ist ungewöhnlich. Ich denke das Fußgelenk ist überdehnt, wenn nicht gar gebro­chen.“

„Und der Todeszeitpunkt?“

„Die Leichenstarre ist noch nicht voll ausgeprägt, aber wie sie wissen, spielen Umweltfaktoren da eine große Rolle. Ich würde sagen zwischen 5 und 7 Uhr heute Morgen.“

Ich konnte meinen Blick nicht von Sophie abwen­den. Sie lag neben einem Baumstumpf, an dem auch Blut klebte.

„Halten Sie es für möglich, dass sie nur gefallen ist?“

Ich deutete auf den Baumstumpf.

„Sie meinen, keine Fremdeinwirkung?“

Er betrachtete den Baumstumpf genauer.

„Könnte tatsächlich zur Wunde passen, aber ich kann mir wirklich erst ein Bild machen, wenn ich sie genauer untersucht habe und wir die Ergebnisse der Spurensicherung gesichtet haben.“

Ich ging zurück zu der Gruppe Beamter, den schwei­genden Adil im Schlepptau.

Warum hatte sie sterben müssen? Sie war kein Kind von Traurigkeit gewesen, noch letzten Sonntag war ihre Lust am Leben spürbar. Und jetzt vielleicht er­schlagen im Wald – oder doch ein Unfall? Die Ergeb­nisse der Kriminaltechniker würden uns hoffentlich weiter bringen.

„Könnte ich sie einen Moment allein sprechen, Herr Werner?“

Er schaute erstaunt, folgte mir dann aber doch ein paar Meter zu einer Wegkreuzung.

„Warum so geheimnisvoll. Herr Kollege?“

Poulet Marengo

Bis man die Antwort vom Verlag bekommt, zieht sich bisweilen wirklich lange hin. Mich treiben schon die Gedanken an den nächsten Benedikt Schönheit Roman um: dieses Mal wird es um einen Mord in der Welt der Kunst, der Künstler, der Experten und des schönen Scheins gehen. Um die Wartezeit zu verkürzen aber noch hier noch ein Stückchen aus Benedikts zweitem Fall :

Martina stand zehn nach acht vor meiner Tür. Die Umarmung dauerte lang, die Stofftasche, die sie davor auf den Boden gestellt hatte, klirrte vielversprechend. Ich zog sie in die Küche, wo eine große Pfanne vor sich hin blubberte. Sie schnupperte vorsichtig, denn der aufsteigende Dampf war heiß.

„Was ist denn das für eine Mischung? Riecht köstlich.“

„Poulet Marengo.“

„ Und was ist da drin?“

„Hühnchen, Flusskrebse, Perlzwiebeln, Wiesenchampignons, Tomaten und Knoblauch.“

„Und wo hast du das alles aufgetrieben?“

„Der Elisabethmarkt besser als sein Ruf.“

Sie fuhr mit ihrer Hand unter mein Hemd und wir küssten uns. „Gar nicht schlecht, Herr Kriminalrat.“

War das jetzt auf das Essen oder auf den Kuss bezogen?

Ich machte mich los, flambierte das Ganze mit ein wenig Cognac, schaltete den Herd ab, zog die Pfanne auf ein Holzbrett und streute frische Petersilie darüber.

„Sollen wir trinken, was immer du da mitgebracht hast?“

Sie zog zwei Flaschen Tardieu – Laurent aus der Tasche.

„Ich habe mich bemüht, sie so wenig wie möglich zu schütteln, aber eigentlich hätten sie schon vor einer Weile geöffnet werden sollen.“

„Das geht schon.“

Bill Evans spielte im Hintergrund während wir dieses angebliche Leibgericht Napoleons verzehrten. Martinas Gegenwart und der ausgezeichnete Côtes du Rhone ließen den Tag leichter erscheinen, trotzdem spukte mir das Gespräch mit Francis Sakamoto noch im Kopf herum. Ich brach ein weiteres Stück Baguette ab, schaute Martina an und fragte sie: „Sag mal, hast du schon einmal bewusst mit einem Mann gespielt? Oder zwei gegeneinander ausgespielt?“

Sie legte Messer und Gabel ab.

„Worauf willst du hinaus?“

Ich erzählte ihr, was Sakamoto mir erzählt hatte.

„Wie gut kennst du denn diese Sophie nun eigentlich?“

„So gut, wie man ein siebzehn Jahre jüngeres Nachbarskind kennt. Ich ging zum Studium nach München als sie ein Jahr alt war. Als dann meine Schwester nach dem Abi nach Wien ging, war sie für meine Mutter ein wenig Kind-, oder vielleicht auch Enkelersatz.“ Ich musste lächeln. „Nicht, dass Mama das je zugeben würde. Sophies Mutter bekam Krebs, als Sophie 10 Jahre alt war und hat acht Jahre gegen die Krankheit gekämpft.“

„Ist Sophie ein Einzelkind?“

„Ja, da ist wohl bei der Geburt etwas schief gegangen und Margarete Binder konnte danach keine Kinder mehr bekommen.“

Martina wischte ihren Teller mit einem Stück Baguette sauber und trank einen Schluck Wein.

„Und was weißt du sonst über sie?“

„Mutter oder Tochter?“

„Tochter.“

„Heute würde man vielleicht sagen, sie war ein starkes Mädchen, wobei ich nicht weiß, ob das nicht einfach der Situation geschuldet war. Der alte Binder ist kein einfacher Mann, ziemlich unnahbar. Sophie hat sich ihre Freiheiten sicher erkämpfen müssen, genau weiß ich das nicht. Mein Vater hat Zeit mit ihr verbracht, ihr auch das Schach spielen beigebracht. Sophies Vater spielt auch gut, aber er hatte keinerlei Geduld mit seiner Tochter. Sie hat ein Jahr nach dem Tod der Mutter in Heiligenberg Abi gemacht und ist, wie ich jetzt weiß, nach München gezogen, um Architektur zu studieren.“

„Warum wie du jetzt weißt?“

„Weil sie es mir erzählt hat.“

„Und du glaubst, dass sie der Schlüssel zum Tod Peter Riesachers ist?“

„Sie ist eine weitere Facette in diesem Spiel, aber eine wichtige. Ich muss sie morgen auf alle Fälle sprechen, notfalls auf dem offiziellen Weg.“

„Sie vorladen?“

Ich nickte.

„Dann wird sie sauer sein und noch weniger sagen.“

„Das müssen wir riskieren.“

Wir nahmen den Wein mit und gingen nach nebenan.

„Es ist schon eine eigenartige Geschichte.“ Sie schien nachzudenken. Es war still im Raum, der sanfte Jazz Bill Evans war schon lange verklungen. „Spielst du was?“

„Wie meinst du das?“

„Auf dem Klavier.“

Das hatte sie mich noch nie gefragt.

„Ich habe Vorspielen schon immer gehasst.“

„Bitte, Bene.“

Ich setzte mich an den schwarzen Kasten und stümperte ein wenig an einem Prélude von Chopin herum.

***

Bel Etage

Die gute Nachricht ist:  das Manuskript ist abgeschlossen. Knapp 280 Seiten sind heute morgen ins Lektorat gegangen. Mit etwas Glück können die geneigten LeserInnen Benedikts neues Abenteuer in etwa zwei Monaten in ganzer Länge verfolgen. Ich werde mich bemühen in der Zwischenzeit den Appetit mit kleinen Ausschnitten aufrecht zu erhalten – ohne allerdings zu viel zu verraten 🙂

Adil läutete und der Türsummer ertönte ohne weitere Nachfrage. Wir stiegen das renovierte Treppenhaus hinauf – zumindest hatte man den Charakter des Hauses ganz gut erhalten. Der junge Mann erwartete uns im ersten Stock; Vater und Sohn Heym schienen das ganze Stockwerk zu bewohnen, nicht schlecht.
„Sie sind von der Kriminalpolizei?“
Ich nickte.
„Mein Name ist Schönheit, das ist mein Kollege Usman.“
„Sie können sich doch sicher ausweisen.“
Doch nicht ganz so unbedarft.
Wie zeigten ihm unsere Ausweise.
„Kein Plastik?“
Ich musste lachen.
„In Bayern gehen die Uhren eben anders.“
„In diesem Fall wohl eher nach. Kommen Sie bitte herein.“
Wir betraten einen Gang, der fast die ganze Länge des Hauses einnahm.
„Da haben Sie ja noch eine echte Bel Etage.“
„Stimmt. Ein wenig privilegiert ist das schon, aber Papa hat das Haus geerbt und diese beiden Wohnungen wieder zusammengelegt.“
Wir folgten dem jungen Mann in ein großes Wohnzimmer, dessen Wände mit Bücherregalen und moderner Grafik bedeckt waren und nahmen unter einem Frauenbildnis von Horst Janssen Platz.
„Ich verstehe zwar nicht, wie ich Ihnen hier weiter helfen kann, aber das werden Sie mir sicher erklären.“
Zumindest hatte der junge Mann ein gesundes Selbstvertrauen. Ich dachte einen Moment daran, dass es besser gewesen wäre ihn ins Präsidium zu bestellen, andererseits kenne ich immer gerne die Lebensumstände der Befragten und wenn er nicht wollte, brauchte er uns eigentlich gar nichts sagen.
„Herr Heym, wir möchten einfach Peter Riesacher besser kennen lernen. Sie haben mit ihm ein Seminar von Dr. Smalto besucht und nach Aussage anderer Teilnehmer auch außerhalb der Lehrveranstaltung viel Zeit mit ihm verbracht.“
„Ich bin also nicht der erste, den Sie befragen.“
„Nein.“
Das ‚nein‘ kam von Adil und war ein wenig schärfer im Ton als meine Worte.
„Nun, ich habe Peter tatsächlich erst in diesem Seminar kennen-gelernt. Ich studiere im zweiten Semester Philosophie und Politische Wissenschaften an der Ludwig Maximilians Universität und besuche die eine oder andere Veranstaltung an der PFH. Es gibt dort ungewöhnliche Professoren und ich finde es interessant, manches aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.“
„Was hat Sie denn an Riesacher interessiert?“, fragte Adil.
„An ihm persönlich? Zunächst gar nichts. Ich habe als einer der ersten eine Seminarstunde gestaltet und eine Einführung zu Friedrich Schlegel gegeben. Peter stellte interessante Fragen, und danach sind wir einen Kaffee trinken gegangen.“
„Und Sie kamen ins Gespräch.“
Er nickte.
„Es war nicht einfach am Anfang, weil er außerhalb des Seminarraums ein ganz anderer zu sein schien, viel unsicherer und verschlossener, aber dann kam ein anderer Student dazu und er machte auf.“
„War das Francis Sakamoto?“
„Mit ihm haben Sie also auch schon gesprochen?“
„Ist das ein ‚ja‘?“ fasste Adil nach.
Maximilian Heym runzelte die Stirn.
„Ja, natürlich ist das ein ja.“
„Und wie ging es dann weiter?“
„Wir haben uns häufig auch außerhalb des Seminars getroffen. Es gab einiges, das uns alle drei interessierte.“

„Herr Heym, wo waren Sie diesen Montag um 11 Uhr?“
Adil suchte Zuflucht in einer der klassischen Polizistenfragen.
„Sie meinen, zu dem Zeitpunkt, als Peter vom Balkon gefallen ist?“
„Woher wissen Sie den Zeitpunkt?“
„Erstens haben Sie das Francis auch gefragt, und zweitens weiß das mittlerweile praktisch jeder auf dem Campus, nachdem diese zwei Trottel damit hausieren gehen, dass sie Sie gerufen haben.“
„Tremmel und Bär?“ schaltete ich mich ein.
„Wer sonst.“
„Kennen Sie die?“
„Nein, und ich möchte sie auch nicht kennenlernen. Aber sie müssen es gestern in der Mensa herum posaunt haben.“
„Das beantwortet aber unsere Frage nicht, Herr Heym. Wo waren Sie denn nun.“
„In der Bibliothek. Ich habe gearbeitet.“
„Gibt es dafür Zeugen?“
„Ich bin sicher, dass sich die Bibliothekarin oder andere Benutzer an mich erinnern.“
„Wir werden das überprüfen.“
„Tun Sie das, meine Herren, aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich mich jetzt gerne wieder an eine Seminararbeit setzten.“
Wir erhoben uns, und er begleitete uns zur Tür. Als wir schon im Treppenhaus waren drehte ich mich noch einmal um.
„Kennen Sie eigentlich Sophie Binder?“
Er zuckte ein wenig zusammen, blieb aber ruhig.
„Sollte ich das?“
„Herr Heym, es gehört zum Spiel, und zwar gerade, wenn man in voller Bedeutung Mensch ist, um mit Schiller zu sprechen, dass man weiß, wann es vorbei ist.“
„Das Spiel ist nie vorbei, Herr Kriminalrat, nie. Es ist die Essenz von allem, wenn Sie wissen was ich meine. Und natürlich kannte ich Sophie, sie war im Seminar.“

Isartal

Es war mittlerweile halb drei geworden. Nicht nur machte sich mein Magen langsam bemerkbar, ich sollte mich auch auf den Weg zu meinen Eltern machen um zur Geburtstagsfeier meiner Mutter noch zu einer vertretbaren Zeit aufzutauchen. Polizeiarbeit entschuldigt vieles aber nicht alles. Auf dem Schreibtisch lag noch die Zusammenstellung der Fakten um die ich Klaus und Adil gebeten hatte. Ziemlich dünn. Sie hatten quasi keine persönlichen Dokumente gefunden, weder Briefe noch so etwas wie ein Tagebuch. Ich griff zum Telefon.

„Klaus?“

„Ja, Chef?“

„Was treibt ihr?“

„Wir haben mit den Herren Tremmel und Bär gesprochen. Sie haben nicht sonderlich viel zu sagen und wirken auch sonst nicht besonders, wie soll ich mich ausdrücken, helle. Beide sind Priesteramtskandidaten, allerdings keine Jesuiten, sondern sie sind hier in München im Priesterseminar, also im Prinzip jederzeit greifbar, wenn wir sie brauchen. Ich glaube aber nicht, dass uns das weiterbringt, denn sie kennen die beiden bestenfalls vom Sehen.

„Na gut. Schreib dir bitte auf alle Fälle mal zwei Namen auf: Maximilian Heym und Sophie Binder. Beide waren auch in dem Kurs mit Dr. Smalto. Findet heraus, wo wir sie finden können, aber ich möchte bei der Befragung dabei sein.“

„Traust du uns das nicht zu, oder was?“

„Ich habe meine Gründe, Klaus. Außerdem muss ich jetzt los. Ach ja … was ist eigentlich mit dem Laptop von Riesacher, bekommen wir da mal was?“

Schweigen

„Und das Handy?“

Immer noch Schweigen.

„Kinder ich möchte euch wirklich nicht alles vorkauen müssen, aber ich hätte gerne morgen früh etwas Greifbares auf dem Schreibtisch, klar? Vorsortiert und mit euren Kommentaren versehen. Ciao.“

Ich war schnell nach Hause geradelt, hatte den Wagen geholt und machte mich auf. Es war ein Fehler gewesen, ihn nicht gleich in der Früh mit ins Präsidium zu nehmen, aber eigentlich hatte ich die S Bahn nehmen wollen. Ich war noch nicht in Stimmung mich in den üblichen Geburtstagsrummel zu begeben und wollte noch auf einen Sprung an die Isar runter und vielleicht in die Basilika von Heiligenberg hineinschauen. Der Nachmittagsverkehr war eher ruhig, ich brauchte kaum eine halbe Stunde. Kurz nach vier bog ich von der Bundesstraße in Richtung Isar ab und parkte unweit des Brückenwirts.

Flüsse hatten mich schon immer fasziniert. Die Isar war sicher nicht die Seine, der Rhein oder die Themse, aber auch wenn man ihr durch den Kanal viel von ihrer Wildheit geraubt hatte, blickte ich immer gerne, besonders hier, im Süden München, auf die recht schnell fließenden Wasser. Ich kletterte ans Ufer, die Kiesel knirschten unter meinen Schuhen und Mama würde wieder sagen: „Junge hast du denn keine Schuhcreme.“ Sei’s drum. Ich hob einen Ast auf und spielte ein wenig in dem sich langsam bewegenden Wasser in Ufernähe. So ähnlich kam ich mir auch im Moment in unserem Fall vor, wenn es denn einer war: wir stocherten im Trüben. Orthubers merkwürdige blaue Flecken, die hohe Dosis Psilocybin, diese merkwürdige Gruppe um Dr. Smalto. Ich sollte eigentlich wirklich in der Stadt sein und zusammen mit Klaus und Adil mögliche Zeugen vernehmen.

Halb fünf. Ich schwang mich wieder über die Brüstung, ging zum Wagen und fuhr die paar hundert Meter zur Abtei. Einen Blick in die Kirche wollte auf alle Fälle noch werfen. Die ruhige Kühle des Gebäudes empfand ich schon als Kind als beruhigend. Ich war oft hier, einfach um loszulassen oder um Kraft zu schöpfen, wenn ich mal wieder eine fünf in Latein beichten musste. Zuhause, nicht hier.

In einer der vorderen Reihen saß eine junge Frau neben einem Mönch. Sie sprachen leise miteinander. Ich wollte nicht stören, aber als ich mich umdrehte verursachten meine Sohlen ein Geräusch und der Mönch drehte sich um. Ein junges Gesicht, Anfang dreißig vielleicht. Ich wusste gar nicht, dass die Abtei doch wieder Nachwuchs hatte. Er sah mich nur kurz an und wandte sich wieder seiner Begleiterin zu.

Das helle Licht dieses sonnigen Maitages blendete mich nach der Dunkelheit in der Basilika, als mein Blick auf ein nachtblaues Mazda Cabrio fiel. So eines hatte ich doch vor gar nicht so langer Zeit schon einmal gesehen. Richtig Sophie Binder fuhr so eins. Und die junge Frau in der Kirche hatte kurze, dunkle Haare gehabt. Die Kirchenglocken schlugen viertel vor Fünf und rissen mich aus meinen Überlegungen. Auf zu den Eltern.

 

Aussagen und Befunde

„Ist der Bericht von Orthuber da?“ Unser Gerichtsmediziner war normalerweise so zuverlässig wie eine Schweizer Uhr.
„Doch, ja,“ sagte Adil
„Und?“, fragte ich gedehnt. Irgendwie liefen die beiden heute auf Sparflamme.
„Na ja, er hatte wohl von diesen Pilzen genommen.“
„Kinder, ich habe langsam den Eindruck ihr habt auch von diesen ominösen Kahlköpfen genascht. Wir sollen in zwanzig Minuten bei Theiss sein. Geht das bitte ein wenig schneller und präziser? Was ist denn los?“
Sie schauten einander an, dann reichte mir Klaus einen Ausdruck und berichtete.
„Also er hatte laut Orthuber zum Zeitpunkt des Todes …“
„Der da wann war?“
„Na laut den Zeugen um 11:05.“
„Ach wir haben Zeugen?“
„Wusstest du das nicht, Chef?“
„Würde ich sonst so dämlich fragen? Was habt Ihr denn heute Morgen?“
Schweigen.
„Wir sind gestern ein wenig versumpft, Chef.“
„Ihr seid bitte was?“
„Versumpft,“ ergänzte Adil völlig unnötigerweise.
Es war schwierig. Richtig schwierig. Ich konnte der sich breit machenden Heiterkeit nicht wirklich widerstehen und lachte laut auf.
„Ihr zwei?“
Sie blickten einander an wie zwei Knaben, die vor dem allmächtigen Schuldirektor standen, weil sie unter der Treppe geraucht hatten.
„Ihr habt einen drauf gemacht?“
Verwirrte Blicke.
„Gratuliere.“
Ich meinte das ernst. Wenn die beiden einander näher kämen, konnten sie nur davon profitieren. Wir hatten jedoch immer noch einen Termin mit Kriminaloberrat Theiss. In 16 Minuten.
„Wer sind die Zeugen?“
Diese Frage schien die Zwei wieder aus ihrem fast komatösen Zustand zu erwecken.
„Zwei Studenten, Chef. Sie haben den Aufprall des Körpers gehört, sind durch die Eingangshalle nach draußen gelaufen und sahen Riesacher da liegen. Nach einem Blick auf den leblosen Körper hat einer über sein Handy 112 gewählt und uns benachrichtigt. Mittermaiers Leute haben sie auch schon befragt.“
Hatte der liebe Herr Kollege es vor Ort noch nicht gewusst oder wollt er mich auflaufen lassen?
„Und wie heißen die beiden?“
„Franz Tremmel und Fritz Bär.“
„Habt ihr persönlich mit Ihnen gesprochen?“
„Ja, aber nur am Vormittag. Der Vorfall hat sie wohl sehr mitgenommen. Wir haben die Kontaktdaten; beide leben in München und noch bei ihren Eltern. Klaus hat gestern Nachmittag dort angerufen, aber die Eltern haben darauf bestanden, dass wir sie erst heute einvernehmen.“
„Was war euer erster Eindruck?“
„Eigentlich gar keiner,“ meinte Klaus. „Sie standen völlig unter dem Eindruck des Gesehenen.“
„Gut, wir wissen also, dass Riesacher wenige Minuten nach 11 Uhr vom Balkon gefallen ist. Was hat denn Orthuber sonst noch in seinem Bericht geschrieben?“
„Zum einen bittet er dich um Rückruf, zum anderen hatte Peter Riesacher sowohl etwas Alkohol im Blut.“
Ich warf einen Blick auf dem Bericht. Richtig 0,3 Promille. Entweder hatte er am Vortag richtig einen drauf gemacht oder er hatte sich schon zum Frühstück eine Halbe gegönnt. Den Eindruck hatte ich eigentlich nicht von ihm. Außerdem stand da etwas von mehr als 20 mg Psilocybin zum Zeitpunkt des Todes.
„Und was ist mit dem Psilocybin?“
„Darüber wollte Orthuber auch mit dir sprechen.“
Ich griff zum Telefon.
„Morgen Frau Schmaller, Schönheit, ich hätte gerne … Danke.“
„Guten Morgen Herr Schönheit.“
„Sie wollten mich sprechen Dottore.“
Ich konnte ein verschmitztes Lächeln über das Telefon spüren, ein Lächeln, das Dr. Orthuber nie bei einer persönlichen Begegnung gezeigt hätte.
„Stimmt. Haben Sie meinen Autopsie Befund gelesen?“
„Gerade eben.“
„Ist Ihnen etwas aufgefallen?“
Jetzt musste ich raten – und zwar schnell.
„Die 20 mg Psilocybin im Blut?“
„Sagen wir so, vermutliche Einnahme von etwa 20 mg Psilocybin. Damit wäre unser junger Freund, zumal in Kombination mit dem Alkohol nicht mehr besonders standfest gewesen.“
„Spricht irgendetwas für den regelmäßigen Genuss von Drogen?“
„Also wenn Sie auf den Alkohol hinaus wollen: für eine Fettleber war der Knabe definitiv zu jung. Der regelmäßige Gebrauch von psychogenen Drogen ist schwierig zu verifizieren. Die vermutlich eingenommene Dosis ist auf alle Fälle recht hoch. Wir warten noch auf den Haartest um zu sehen ob er diesen Stoff schon länger zu sich genommen hat. Allerdings hat er eine recht kurze Frisur.“
„Das heißt wir können allenfalls ein paar Wochen zurückgehen?“
„Genau“
„Und was können Sie mir sonst inoffiziell sagen?“
Da war es wieder, das Lächeln über die Telefonleitung.
„Herr Schönheit, Herr Schönheit .. also gut: ich habe auf seiner Brust, links, direkt unter dem linken Schlüsselbein schwache Hämatome, also …“
„Ich weiß was Hämatome sind.“
„Natürlich, ich vergaß.“
Schweigen. Ich hätte doch meine Klappe halten sollen.
„Was war denn nun das Besondere bei diesen Blutergüssen Herr Doktor?“
„Das Besondere, lieber Herr Schönheit, liegt darin, dass sie theoretisch die Abdrücke der Finger einer Hand darstellen könnten. Das heißt, wiederum sehr theoretisch, dass jemand den jungen Mann gestoßen haben könnte.“
„Aber?“
„Genau. Großes aber. Die Abdrücke sind so schwach, dass ich diese Vermutung nie im Leben in einen Autopsie Befund schreiben kann. Ich dachte jedoch, es würde Sie vielleicht interessieren.“
Ich überlegte einen Moment.
„Vielen Dank lieber Herr Doktor. Haben Sie sonst noch etwas für meine Kopfschmerzen?“
„Aspirin?“